Ach, 1860 München: Der Investor zahlt nicht mehr und damit fällt der Traditionsverein in die Bedeutungslosigkeit. Der Fall Ismaik zeigt, dass autokratische Strukturen im Bundesliga-Fußball nicht funktionieren. Ein Kommentar.

Er hat es also getan. Hassan Ismaik, seines Zeichens Investor von 1860 München, verweigert dem Club nach dem Abstieg in die Dritte Liga eine zur Lizenzerhaltung benötigte Millionenzahlung. Damit muss der Bundesliga-Meister von 1966 mindestens den Gang in die Viertklassigkeit und damit raus aus dem Profi-Fußball antreten. Bei den Münchnern hatte man in großer Verlässlichkeit in den vergangenen Jahren immer mal wieder das Gefühl, der Tiefpunkt sei bereits erreicht. Jetzt dürfte es also wirklich der Fall sein.

Doch so bitter das alles für die Anhänger von 1860 München sein mag: es hat vielleicht auch etwas Gutes. Denn der Niedergang der Münchner, die sich auf den jordanischen Geldgeber eingelassen hatten, zeigt exemplarisch, welche Risiken Investoren für Fußballvereine darstellen können. Die „Blauen“ standen schon seit Urzeiten im Schatten des übermächtigen städtischen Rivalen. Während der FC Bayern also eine Meisterschaft nach der anderen eingefahren hat, dümpelten die Löwen irgendwo im Unterhaus des deutschen Fußballs herum. Und dann war da der Mann mit dem Geld.

Finanzkraft bringt nicht automatisch sportlichen Erfolg

Ismaik, der erste jordanische Milliardär überhaupt, erwirtschaftete sein Vermögen zunächst mit Öl- und Immobiliengeschäften, erst später wandte er sich Sportinvestments zu. Mit den Löwen hatte er Großes vor und nahm dabei zu Beginn seines Engagements in Bayern im Jahr 2011 auch schon mal die Worte „Champions League“ in den Mund. Sechs Jahre später steht der Club nun nach unzähligen Possen und Querelen am Abgrund.

Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images

Der Jordanier tauschte bei 1860 regelmäßig das Personal aus. Ob Trainer, Geschäftsführer, Sportdirektor oder Spieler – Ismaik mischte mit und hielt den Club durch seine mangelnde Fachkenntnis so in einem konstant chaotischen Zustand. An eine nachhaltige sportliche Entwicklung war unter diesen Bedingungen nicht zu denken. Der Mann mit dem Geld konnte oder wollte einfach nicht verstehen, dass Finanzkraft nicht automatisch auch sportlichen Erfolg bringt. Geld ist aus Papier, verbrennen kann man es also auch.

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Wie ein Mann einen Verein zerstören kann

Zusätzlich sorgte Ismaik für einen dauerhaften Konflikt zwischen dem eingetragenen Verein und der Kommanditgesellschaft, deren Aufsichtsratsvorsitzender er ist. Er verlangte bis zuletzt Änderungen zu seinen Gunsten. Mehr Macht, mehr Kontrolle für den Investor, weniger für den Verein. Nur unter diesen Bedingungen wollte der Mann mit dem Geld weiterhin zahlen. Jetzt, wo das Geld am dringendsten benötigt wurde, zahlt Ismaik nicht. Der Investor lässt sein Spielzeug eiskalt abschmieren, weil es nicht das gemacht hat, was er will. Groteskerweise, so teile Ismaik mit, will er den Club auch in Zukunft unterstützen. Für die meisten Löwen dürfte das nur noch wie eine Drohung klingen.

Doch in Zeiten, in denen mit Leipzig und Hoffenheim gleich zwei Clubs, die ebenfalls komplett von ihren Investoren abhängig sind oder waren, die Bundesliga in der nächsten Saison in der Champions League repräsentieren werden, kommt der Fall von 1860 in gewisser Weise zur rechten Zeit. Die ernsthafte Debatte um die Legitimität von Konstrukten wie bei Ismaik und den Löwen, Red Bull in Leipzig, Hopp in Hoffenheim, Kind in Hannover, Kühne in Hamburg, Volkswagen in Wolfsburg und auch Bayer in Leverkusen ist schon lange verliebt-blinden Jubelarien über tollen Fußball und moderne Jugendakademien gewichen. Erfrischend seien Engagements wie in Leipzig oder Hoffenheim und gut für die Bundesliga natürlich sowieso.

Groteskerweise, so teile Ismaik mit, will er den Club auch in Zukunft unterstützen. Für die meisten Löwen dürfte das nur noch wie eine Drohung klingen.

Soziale Probleme bei den Retortenclubs

Deutlich wird zwar auch: Sobald der Verein de facto in der Hand eines einzelnen Investors ist (de jure muss das nicht zwangsläufig so sein), kann das alles rein sportlich funktionieren. Die Erfolge von Wolfsburg in der Vergangenheit und die von Leipzig und Hoffenheim in der Gegenwart können das belegen. Dort gibt es keinen dauerhaft schwelenden Konflikt zwischen Investor und Club – le club c’est moi, ist dort die Devise der Investoren.

Foto: Johannes Simon/Bongarts/Getty Images

Diese Varianten von Retortenclubs plagen also weniger sportliche als soziale Probleme – trotz Meisterschaft in der Vergangenheit ist vergleichsweise kaum jemand Fan des VfL Wolfsburg. Ähnlich sieht es bei der TSG Hoffenheim aus, die zwar bei vielen Sympathie, aber keine tiefe Zuneigung erzeugt. Bei Leipzig muss man aufgrund des aktuellen Hypes und der cleveren Standortwahl zunächst abwarten, wie viele der neuhinzugewonnen Anhänger dem Red-Bull-Marketinginstrument auch in sportlichen Krisen die Stange halten werden.

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Die Fans von 1860 sind da – bis zum bitteren Ende

Anders sieht es bei Traditionsclub aus, die sich auf die vermeintliche Romanze mit Geldgebern eingelassen haben: Trotz sportlich dunkelster Zeiten hatte 1860 München bis zum Schluss noch eine Vielzahl von Anhängern. Vergrämt, beleidigt, gedemütigt mögen die sich gefühlt haben, im Herzen waren sie aber trotzdem noch Fans. Auch dem Hamburger SV fliegen trotz unheilvoller und unerfolgreicher Liaison mit Investor Klaus-Michael Kühne weiterhin genug Herzen zu. Dennoch zeigt sich auch in Hamburg, dass der eingeschlagene Weg keinen Erfolg verspricht. Mit ewigen Diskussionen, nervtötenden Abhängigkeiten und Narzissmus sind die Probleme in Hamburg zwar noch vergleichsweise klein, schmecken im Abgang aber bereits jetzt schon schwer nach 1860.

Dort zeigt sich nun, was mit einem altehrwürdigen Club passiert, wenn der Mann mit dem Geld keinen Bock mehr hat. Ob das nun ein deutscher Logistikmogul, ein jordanischer Immobilien-Löwe oder eine chinesiche Investmentgruppe ist – Investoren bleiben, was sie sind. Sie haben ihren Reichtum schließlich nicht erlangt, weil sie nette, soziale Menschen sind, die das alles für den Spaß an der Freud machen. Man sollte also nicht glauben, so etwas könne in Wolfsburg, Leipzig, Hoffenheim oder sonstwo nicht passieren, nur weil nun ein Traditionsverein, den man übrigens vermissen wird, den bitteren Beweis der möglichen Konsequenzen solcher Auswüchse geliefert hat. Und den Mann mit dem Geld selbst im größten Elend nicht mehr loszuwerden scheint – „einmal Löwe, immer Löwe“. Wie erfrischend und gut für die Bundesliga das alles ist, sei heute also mehr denn je in Frage gestellt.

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