Julian Reichelt ist „BILD“-Chef und Superheld auf Twitter. Er weiß sogar, was Fußballer gemeint haben, obwohl sie es gar nicht gesagt haben. Eine Glosse.

Als Julian Reichelt noch ein kleiner Junge war, wollte er ganz sicher mal Polizist werden. Die bösen Verbrecher jagen, die Handschellen klicken lassen und dann der gefeierte Held sein. Klingt doch auch wie ein Traumjob – zumindest für Kleinkinder. Allerdings: Reichelt ist nicht Polizist geworden. Journalist leider auch nicht. Reichelt muss sich stattdessen seine Brötchen als Vorsitzender der Chefredaktionen bei „BILD“ verdienen. Das ist hart. Aber einer muss es ja machen, dachte sich der kämpferische Julian. Und gäbe es kein Twitter, die meisten von uns wüssten gar nicht, dass Reichelt existiert. Schließlich verwendet die „BILD“ gerne mal mehr Zeilen für die Autorenliste als für den eigentlichen Artikel – sich da auch noch den Namen eines der Journalisten-Darsteller zu merken, ist ganz schön viel verlangt. Deshalb macht das auch keiner.

Das kann ein Julian Reichelt so aber natürlich nicht stehen lassen, deshalb hat @jreichelt auch Twitter. Und dort gibt das „BILD“-Chefchen regelmäßig Einblick in sein Seelenleben. Und ganz besonders schön wird es da, wenn andere der „BILD“-Zeitung fehlerhafte oder gar falsche Berichterstattung vorwerfen. Dann kommt Reichelt, der nicht ganz so edle Ritter der Pressefreiheit, nämlich erst richtig in Fahrt. Der geneigte Leser kann sich vorstellen: Entspannte Tage sind bei „BILD“-Julian eher selten, denn Tage, an denen „BILD“ nichts falsch macht, gibt es bekanntlich nicht.

Denmark´s Jannik Vestergaard reacts during the friendly football match between Denmark and Germany in Brondby, Denmark on June 6, 2017. / AFP PHOTO / PATRIK STOLLARZ (Photo credit should read PATRIK STOLLARZ/AFP/Getty Images)

Dänischer Nationalspieler: Jannik Vestergaard | Foto: PATRIK STOLLARZ/AFP/Getty Images

Davon kann auch Borussia Mönchengladbachs Innenverteidiger Jannik Vestergaard nun ein Lied singen. Nachdem es beim Kopenhagener Derby zu Ausschreitungen gekommen war, twitterte der Däne: „Hoffentlich werden diese Psychopathen hinter Schloss und Riegel gebracht.“ Und das Unheil nahm seinen Lauf. Schon wenig später titelten die Dänisch-Experten von „BILD“ nämlich schon: „Erster Fußballprofi fordert Knast für Ultras“.

BILD: „Erster Fußballprofi fordert Knast für Ultras“

Dass Vestergaard das so nicht gesagt, nein, nicht einmal angedeutet hat, war Reichelt und seinen Sportsfreunden natürlich komplett egal. So dauerte es natürlich nicht lange, bis sich der Watchblog „BILDblog“ mit Kritik am Vorgehen des Boulevardsblatts zu Wort meldete. Doch auch der falsch zitierte Vestergaard stellte umgehend klar, dass er „diese Schlagzeile absolut nicht nachvollziehen“ könne, schließlich habe er „in diesem Zusammenhang weder das Wort Ultras in den Mund genommen, noch irgendwelche Fans oder Ultras pauschalisiert.“

Zwar stehe er zu seinen Aussagen, dass die Taten „der Chaoten in Kopenhagen aufs Schärfste verurteilt“ werden sollten, will aber eben auch betonen, „dass damit keinesfalls Ultras im Allgemeinen gemeint waren“. Der Gladbacher erklärte zudem: „Der Großteil der Ultras und der Fans unterstützen die Vereine in besonderem Maße.“

Nun, Twitter wäre nicht Twitter, wenn Reichelt nicht sofort mit den Aussagen des falsch zitierten Dänen konfrontiert worden wäre. Hier ein kleiner Exkurs: Sie erwarten nun, dass Reichelt den Fehler seiner Redaktion einsieht, Besserung verspricht und sich bei Vestergaard entschuldigt? Glückwunsch! Sie haben zwar Anstand und Moral, von „BILD“ und „Reichelt“ aber keine Ahnung.

Alternative Fakten der BILD-Redaktion

Denn natürlich reagierte @jreichelt so, wie man es von ihm kennt. Also wie ein Fünfjähriger, dem der dicke, stärkere Junge im Sandkasten das Schäufelchen weggenommen und die 7-Dioptrien-Brille von der Nase gehauen hat. Nur fünf homoöpathische Dosen benötigt der „BILD.de“-Chef also, um der Welt und Jannik Vestergaard zu erklären, was ebendieser eigentlich gemeint habe – und warum die alternativen Fakten der „BILD“-Redaktion am Ende eben doch stimmen müssen.

Die „Angst der Vereine vor den Ultras“, ist es also, die dahinter steckt. Ob Reichelt dieses Geheimwissen beim letzten Treffen seiner Freimaurer-Loge erlangt oder einfach frei erfunden hat, erfahren wir leider nicht. Wichtiger als sich mit so lästigen Dingen wie der Wahrheit aufzuhalten, ist aber doch ohnehin, die Kritiker mit (lächerlichen) Vorwürfen zu diskreditieren. „Alle Gewalttäter“, die in „BILD“ vorkommen, könnten schließlich auf „die Sympathie“ vom „BILDblog“ zählen, faselt Reichelt also daher und spielt damit unter anderem auf die völlig berechtigte Kritik am Vorgehen seiner Redaktion nach dem G20-Gipfel in Hamburg an.

Super-Jule: Polizei, Staatsanwalt und Richter in Personalunion

Dass es nicht der Job von Journalisten oder Leuten, die sich dafür halten, ist, Menschen öffentlich an den Pranger zu stellen und die Aufgaben von Polizei, Staatsanwaltschaft und Richter in Personalunion zu übernehmen, ist Super-Julian aber freilich völlig gleich. Warum sollte man sich auch an so rückständige Dinge wie journalistische Grundsätze halten, wenn man sich auch das Superhelden-Cape umhängen und mit hochauflösenden Fotos von mutmaßlichen Straftätern auf den Titelseiten vermeintlich die Welt retten, und den alten Polizisten-Traum endlich ausleben kann?

Beim „G20“-Gipfel hat es doch schließlich auch schon großartigen Spaß gemacht, vermeintliche „Linksradikale“ an den Pranger zu stellen und nach dem „Fahndungserfolg“ zu vermelden: „Er heißt Kevin, ist 19, und wohnt bei seiner Oma.“

„Er heißt Julian, ist 37 und seine Eltern bewerben Globuli“

Doch auch wenn @jreichelt sich selbst ziemlich super zu finden, und ihm das alles ganz viel Spaß zu machen scheint, sollte der „BILD“-Chef sich nicht wundern, wenn es auch mal so aus dem Wald hinausschallt, wie er es hineinruft. Und das ist dank Google doch recht einfach. Kick it like Julian! Unsachliche, vielleicht ja sogar unfaire Berichterstattung dürfte bei der „BILD“ ja ohnehin niemanden stören. Also bitte: „Er heißt Julian, ist 37, und seine Eltern waren ebenfalls beim Springer-Verlag beschäftigt und betreiben nun die Webseite ‚globulix.net‘. Dort bewerben sie ‚Gesundheit zum Selbermachen‘ und verlinken auf Online-Shops, in denen man sich von ‚D12‘ bis ‚C30‘ mit aller Arten von Globuli eindecken kann.“ Die enthalten zwar bekanntlich so viel an Wirkstoff, wie „BILD“ an Wahrheit, aber wen kümmert das schon?

Ach Julchen, wärst Du doch einfach Polizist geworden. Dann könntest Du wenigstens kaum bis gar nicht identifiziert werden, wenn Du mal wieder Scheiße baust.

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