Leonardo Bittencourt wächst beim 1. FC Köln trotz der gerade schwierigen Phase immer mehr in die Rolle eines Führungsspielers hinein, wie unser Text analysiert.

Es gibt Phasen, da läuft es wie von alleine (wie beim 1. FC Köln im letzten Herbst, effzeh.com berichtete) und es gibt Phasen, da funktioniert trotz großem Aufwand so gut wie nichts. Die Länderspielpause musste der 1. FC Köln dazu nutzen, seine Wunden zu lecken und sich vorzubereiten auf einen harten Kampf um dringend benötigte Punkte. Doch immerhin, so weit kann man nach den letzten beiden Pleiten gegen Belgrad und Leipzig wohl schon gehen, zeigt die Mannschaft, dass sie sich wehrt – und langsam aber sicher auch verbessert. Einer, der in dieser Phase vorangeht, ist Flügelspieler Leonardo Bittencourt.

Bittencourt: Kölns emotionaler Leader

Bei der Niederlage gegen Belgrad feuerte er die Südkurve an, damit diese die Mannschaft unterstützte – er selbst überzeugte mit einer engagierten und guten Leistung. Wenige Tage später, nach der Niederlage gegen Leipzig, lobte Bittencourt die Fans dann gegenüber FC-TV: „Wahnsinn, da kann man nur den Hut vor ziehen. Wie die hinter uns stehen… Ich glaube, sie respektieren auch eine Leistung, bei der man alles gibt, aber am Ende dann doch verliert. Wir haben eine geile Truppe hinter uns, die uns anfeuern und uns respektieren für unsere Leistung. Es ist einfach schön, ich hoffe, dass wir den Fans wieder eine Freude bereiten können und punkten.“

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Bittencourt gilt in der schwierigen Phase, die der 1. FC Köln gerade durchmacht, nicht nur im Verhältnis zu den eigenen Fans als einer der Hoffnungsträger. Nach der schwierigen letzten Saison, in der der Deutsch-Brasilianer mehrfach verletzt ausfiel, gelangt er langsam aber sicher zurück zur Fitness, die er für sein Spiel braucht. Im Gespräch mit „Geissblog.Köln“ äußerte sich Bittencourt vor einigen Tagen zu seinem Fitnesszustand. „Es hat in der Vorbereitung noch etwas gezwickt, ich habe aber mittlerweile schon einige Spiele über die volle Distanz gemacht. Das ist der einzige Weg für mich, um wieder an meine Topform heranzukommen“, gestand der Deutsch-Brasilianer.

Zeugnis davon gaben die letzten drei Partien ab, in denen der effzeh zwar nicht gewinnen konnte, erste Anzeichen der Besserung allerdings schon erkennbar waren. Gegen Hannover überzeugte der 1. FC Köln gerade in der Defensivarbeit, nach vorne hin war Bittencourt einer der wenigen Aktivposten. Ein paar Tage später musste der Flügelspieler die erste Halbzeit gegen Belgrad von der Bank aus über sich ergehen lassen, die Besserung erfolgte erst nach seiner Einwechselung.

Führungsrolle auf und neben dem Platz

Zusammen mit Yuya Osako veränderte Bittencourt die Spielanlage des 1. FC Köln komplett, dem in der ersten Halbzeit die offensive Präsenz total abging. Kölns Nummer 21 zeigte, dass er als Nadelspieler eigentlich unersetzlich ist – obwohl trotz bester Chancen erneut kein Tor heraussprang. Ähnlich war es wiederum nur einige Tage später gegen Leipzig, als der 1. FC Köln seine bis dato „beste“ Saisonleistung ablieferte, aber erneut viele Schwächen offenbarte und verlor. Doch Bittencourts Auftreten auf dem Feld gibt zumindest zweifach Anlass zur Hoffnung. Erstens scheint er auf dem Wege zu sein, nach seinen körperlichen Problemen wieder zur Bestform zurückzukehren, andererseits kann genau das dafür sorgen, dass der 1. FC Köln endlich konstant Torchancen herausspielt und diese auch (hoffentlich) irgendwann nutzt.

Auch der körperliche Einsatz liegt dem Leichtgewicht | Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Bittencourts Bedeutung für den 1. FC Köln auf dem Platz war bereits in der vergangenen Saison deutlich erkennbar. In dieser Saison scheint auch offenkundig, dass der 23-Jährige immer mehr in die Rolle eines Führungsspielers hineinwächst. Durch Modestes Abgang und Hectors Verletzung ist ein kleines Vakuum beim effzeh entstanden: So viele Spieler von außerordentlicher Qualität finden sich leider nicht im Kader. Bittencourt ist trotzdem einer davon, will und muss mehr Verantwortung übernehmen. Dazu gehört eben auch, ab und an mal Klartext mit den Medien zu sprechen.

Krise? „Wir müssen das als Kollektiv hinbekommen“

Angesprochen auf die aktuell unzureichende Form der Mannschaft konstatierte Bittencourt im Interview mit „Geissblog.Köln“: „Ich glaube, bei der ganzen Mannschaft hakt es gerade noch etwas und wir sind nicht in der Form der letzten Jahre. Da geht es mir nicht anders. Ab einem gewissen Punkt ist das Kopfsache, das müssen wir als Kollektiv hinbekommen.“ Gleichzeitig sieht die Frohnatur aber auch das Positive in dieser schweren Situation: „Wir stecken jetzt unten drin, aber das ist auch eine schöne Herausforderung. Du kannst die Höhen nur schätzen, wenn du auch mal die Tiefen erlebt hast. Umso mehr werden wir es wieder zu schätzen wissen, wenn wir wieder oben dran sind.“

Dass sich die Formschwäche dabei ein wenig angedeutet habe, ließ der ehemalige Dortmunder dabei ebenfalls durchblicken – mit teils überraschend deutlichen Aussagen. „Wir haben nicht oft zu null gespielt oder hatten nach vorne Probleme. Wir waren vielleicht nicht so konzentriert wie in den letzten Jahren. Aber wirklich kann ich mir das nicht erklären, denn die Mannschaft ist ja fast zusammengeblieben.“ Bittencourts veränderte Rolle im effzeh-Kader ließ sich auch daran erkennen, dass er ein flammendes Plädoyer für seinen Trainer hielt – Trainer Peter Stöger steht für ihn keinesfalls zur Debatte.

Stöger? „Mehr Vaterfigur als Chef“

Trotz der ersten großen Krise, die der effzeh seit Ankunft des Österreichers im Jahr 2013 durchlebt, hält der Rechtsfuß zu seinem Chef. „Er ist der beste Mensch, den man als Trainer haben kann. Er ist immer korrekt, immer respektvoll. Sollte es wirklich mal jemanden geben, der gegen diesen Trainer spielt, der hat entweder noch keinen anderen Trainer erlebt oder er muss verrückt sein.“ Für Bittencourt sei Stöger dabei „authentisch, ehrlich, mehr eine Vaterfigur als Chef“, was zumindest nicht darauf hindeutet, dass es zwischen Mannschaft und Trainer bereits zu ersten Zerwürfnissen gekommen sein könnte.

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Der Deutsch-Brasilianer ist sich dabei in dieser Saison auch seiner neuen Rolle bewusst: Immer häufiger wird er laut, wenn ihm im Training etwas nicht passt, die Intensität fehlt oder er alternative Lösungsmöglichkeiten aufzeigen möchte. Jüngere und weniger erfahrene Spieler wie Tim Handwerker oder Sehrou Guirassy nimmt sich Bittencourt dann ganz selbstverständlich im Trainingsbetrieb zur Brust. „Tot ist die Truppe auf keinen Fall, deswegen ist es nur eine Frage der Zeit, bis wir wieder in die Erfolgsspur kommen. Dann wird es auch schwer sein, uns zu stoppen“, konstatierte Bittencourt im Anschluss an die Niederlage gegen Leipzig. Bleibt zu hoffen, dass Bittencourt mit seiner Energie auch seine Mannschaftskameraden anstecken kann.

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