Die 0:5-Packung bei Borussia Dortmund legte die sportlichen Probleme des 1. FC Köln schonungslos offen. Der Versuch einer Analyse.

Zwanzig Minuten vor dem Abpfiff flüchteten sich die Fans des 1. FC Köln in Galgenhumor. „Der effzeh Köln ist wieder da“ skandierten sie – und feierten, als ob ihr Team gerade die vierte Meisterschaft in die Domstadt geholt hätte. So manch einem blieb dabei ein Kloß im Hals stecken, erinnerte das Geschehen auf dem Rasen und die Reaktion darauf auf den Rängen doch frappierend an alte, längst hinter sich geglaubte Zeiten.

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Wenig dezent versprühten die mitgereisten Anhänger Häme, Hohn und Spott – und hatten angesichts der dargebotenen Leistung der „Geißböcke“ guten Grund dazu, auch wenn sich vielleicht Nachsicht ob der aktuellen mentalen Verfassung der Mannschaft angeboten hätte. Was der effzeh im Westfalenstadion zeigte, war nichts anderes als ein sportlicher Offenbarungseid. Die Defensive ein einziger Torso, der Sturm ein laues Lüftchen. Es schien, als sei die 2012er-Ansammlung voller Charaktergranaten zurück ins effzeh-Trikot geschlüpft.

Leistungsträger wie Bittencourt im Formloch

Den Negativrekord des schlechtesten Starts der Bundesliga-Geschichte (danke KSC 63/64!) wohl nur dank der Güte des Gegners verfehlt. Ein tiefer Fall für den Fünften der Vorsaison. Von alter Selbstverständlichkeit nichts mehr zu merken, blanke Panik bei so manchem Fan zu erkennen. Ein Auftritt schwächer als der andere. 30 gute Minuten im Derby, 30 gute Minuten gegen den HSV – das ist die erschreckende Bilanz eines total verkorksten Auftakts. Ja jut, woran hat es jelejen? Man fragt sich nachher natürlich immer, woran et jelejen hat. Woran hat et jelejen? Woran et jelejen hat, weiß ich immer.

Cologne's supporters cheer their team during the German first division Bundesliga football match Borussia Dortmund v FC Cologne in Dortmund, western Germany, on September 17, 2017. / AFP PHOTO / SASCHA SCHUERMANN / RESTRICTIONS: DURING MATCH TIME: DFL RULES TO LIMIT THE ONLINE USAGE TO 15 PICTURES PER MATCH AND FORBID IMAGE SEQUENCES TO SIMULATE VIDEO. == RESTRICTED TO EDITORIAL USE == FOR FURTHER QUERIES PLEASE CONTACT DFL DIRECTLY AT + 49 69 650050 (Photo credit should read SASCHA SCHUERMANN/AFP/Getty Images)

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Sorgen macht vor allem die grassierende Formkrise im Kader. Ein Leistungsträger wie Leonardo Bittencourt steht genauso neben den Schuhen wie beispielsweise Youngster Lukas Klünter. Auch absolut verlässliche Stützen wie Jonas Hector, vor seiner bitteren Verletzung auch kein Ausbund an Formstärke, oder Matthias Lehmann haben Probleme in dieser Spielzeit. Stabil haben sich bislang einzig Dominique Heintz und Torhüter Timo Horn präsentiert. „Wir sind in einer schweren Phase, die neu ist“; gesteht auch effzeh-Coach Peter Stöger ein und kündigt für die kommenden Aufgaben Aufbauarbeit an: „Wir werden unsere Spieler mit der nötigen Rückendeckung vorbereiten.“

Lehmann: „Uns fehlt die Kompaktheit“

Gerade in der zentralen Achse hat der effzeh in den bisherigen Spielen massive Probleme: Vor der Abwehr überzeugten bisher weder die defensiven Hector, Lehmann und Marco Höger noch die offensiver eingeplanten Milos Jojic und Yuya Osako. Im Prunkstück Innenverteidigung wackelte es gehörig: Frederik Sörensen spielte sich selbst aus der Startelf, doch sein Ersatz Jorge Meré ist trotz guter Ansätze noch kein Stabilitätsfaktor. Ähnlich liegt derweil die Offensive: Die Bemühungen sind Jhon Cordoba nicht abzusprechen, doch noch sind die Anpassungsprobleme des Kolumbianers, häufig vorne allein auf weiter Front, deutlich zu sehen.

Dortmund's Turkish midfielder Nuri Sahin (L) and Cologne's midfielder Marco Hoeger vie for the ball during the German first division Bundesliga football match Borussia Dortmund v FC Cologne in Dortmund, western Germany, on September 17, 2017. / AFP PHOTO / SASCHA SCHUERMANN / RESTRICTIONS: DURING MATCH TIME: DFL RULES TO LIMIT THE ONLINE USAGE TO 15 PICTURES PER MATCH AND FORBID IMAGE SEQUENCES TO SIMULATE VIDEO. == RESTRICTED TO EDITORIAL USE == FOR FURTHER QUERIES PLEASE CONTACT DFL DIRECTLY AT + 49 69 650050 (Photo credit should read SASCHA SCHUERMANN/AFP/Getty Images)

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Das führt zu dramatischen Balanceproblemen im Spiel des 1. FC Köln: Individuell wie kollektiv ist der effzeh derzeit in der Abwehr nicht gefestigt, schafft es aber gleichzeitig auch nicht, das Spiel vom eigenen Tor fernzuhalten. Insbesondere die Absicherung nach eigenen Ballverlusten, sonst ein Lehrbeispiel für die Kölner Organisationsstärke, funktioniert derzeit vorne und hinten nicht. Dazu gehen die wichtigen zweiten Bälle nahezu ausschließlich an den Gegner – vor allem gegen kampfstarke Mannschaften wie Hamburg und Augsburg ein riesiges Problem.

Wir haben das Fußballspielen nicht verlernt. Was uns immer ausgezeichnet hat, war eine starke Defensive. Das ist im Moment nicht der Fall. Jetzt müssen wir ganz schnell wieder in die Spur finden.

„Uns fehlt die Kompaktheit. Heute war es eine Lehrstunde, wie es nicht geht. Eigentlich war es genau eine Schablone dafür“, urteilte effzeh-Kapitän Matthias Lehmann nach dem Debakel in Dortmund. Timo Horn zeigte derweil schon auf, in welche Richtung eine Konsolidierung verlaufen soll. „Wir haben das Fußballspielen nicht verlernt. Was uns immer ausgezeichnet hat, war eine starke Defensive. Das ist im Moment nicht der Fall. Jetzt müssen wir ganz schnell wieder in die Spur finden.“

Baustellen im Kader nicht behoben

Eine verständliche Ansage nach 15 Gegentore in fünf Pflichtspielen. Das bedeutet: Rückbesinnung auf alte Tugenden, auf gewohnte Routine und auf bewährte Systeme. Ballbesitzfußball, wie er gegen Hamburg oder in Augsburg auch aufgrund des Rückstands vonnöten war, dürfte erst einmal eingemottet werden. Ob der nicht nur beim BVB erschreckenden Planlosigkeit im Offensivspiel, der fehlenden Selbstverständlichkeit im Abwehrverbund und der zahlreichen Partien dürfen in den nächsten Wochen sicherlich keine Leckerbissen erwartet werden.

DORTMUND, GERMANY - SEPTEMBER 17: Peter Stoeger (R), head coach of Koeln talks to sport director Joerg Schmadtke before the Bundesliga match between Borussia Dortmund and 1. FC Koeln at Signal Iduna Park on September 17, 2017 in Dortmund, Germany. (Photo by Martin Rose/Bongarts/Getty Images)

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Das dürfte sicher nicht nur die Analyse der Spieler sein, sondern auch den Geschmack der Verantwortlichen treffen. Eines ist jedoch nach vier Bundesliga-Spielen bereits offensichtlich geworden: Die Überlegungen, den Kader perspektivisch zu verstärken und nicht sofort auf ein anderes Level zu hieven, ist krachend gescheitert. Die Baustellen vor der Abwehr und auf den offensiven Außenbahnen sind nicht erst seit diesem Sommer mehr als offensichtlich. Kurzum: Die Mannschaft ist aktuell nicht nur aufgrund individueller Formkrisen und des fraglos schwerwiegenden Abgangs von Anthony Modeste deutlich schwächer als im Vorjahr.

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Wenig Hoffnung auf Verbesserungen, die stante pede greifen, macht dazu die Ratlosigkeit, die sich in den Gesichtern der Spieler widerspiegelt. Das Bemühen, der Willen und die Leidenschaft – das alles ist ihnen nicht abzusprechen, doch es wirkt, als seien Geist und Körper nach der letzten Saison und dem Highlight zum Abschluss müde geworden. Ein Eindruck, der sich vor den nun wartenden Duellen nicht verfestigen darf: Gegen Frankfurt und in Hannover geht es gegen Kontrahenten auf Augenhöhe. Bislang haben die Stöger-Schützlinge unter Druck immer einen herausgehauen – die Ausgangslage zeigt: Es war lange nicht mehr so nötig wie jetzt!

Rasenfunk-Schlusskonferenz mit effzeh.com-Redakteur Arne

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