Zwei überflüssige Niederlagen lassen das kölsche Hochgefühl verstummen. Doch all das ist überhaupt kein Grund, um Trübsal zu blasen. Sagt Ralf Friedrichs in seinem FC-Kalenderblatt für den Februar.

Im Februar feiert der zurecht ruhmreiche 1.FC Köln Geburtstag, 69 Jahre ist es nun her, als sich der Kölner BC 1901 und die SpVgg Sülz von 1907 am Traualtar oder Tresen der Gaststätte Roggendorf das Jawort gaben und den gemeinsamen Namen 1. Fußball-Club Köln 01/07 e. V. annahmen. Der Einfachheit halber wird der Verein als 1.FC Köln tituliert.

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Die Geburtsjahre der Urvereine sollen dennoch noch einmal herausgestellt werden, denn in letzter Zeit hat nicht nur das Umfeld eines benachbarte Werksclubs, sondern auch diverse Medienvertreter genüsslich darauf hingewiesen, dass der FC ja kein Traditionsverein sei, schließlich gebe es den Verein ja noch nicht so lange. Manch einer sprach sogar von einem „Kunstprodukt“ früherer Jahre und versuchte somit, ohne rot zu werden, den unter dubiosen Begleitumständen entstandenen „Verein“ RB Leipzig zu legitimieren.

Alternative Fakten auf effzeh-Kosten

Mit Verlaub, dieser Vergleich ist nicht nur historisch falsch, siehe die erwähnten Gründungsdaten der Urväter, er ist auch ziemlich dusselig. Aber im Zeitalter von alternativen Fakten darf man sich wohl über gar nichts mehr wundern. Aber was tut man nicht alles, um die Gelddruckmaschine Red Bull in der Liga willkommen zu heißen, da fällt ja sicher für jeden was ab. DFB, DFL und diverse Medien jedenfalls überbieten sich gegenseitig, um das Produkt zu goutieren und der Fußball-Fan hat das gefälligst alles ganz prima und „supi“ zu finden.

Foto: Lukas Schulze/Bongarts/Getty Images

Dabei schürt gerade diese ganz offensichtlich von oben oktroyierte „Sind die nicht toll?“ Aussagen der Verbände und leider auch vieler Zeitungen die Ablehnung bei den Traditionalisten. Der Fußball-Liebhaber soll sich einfach seine eigene Meinung bilden dürfen. Wer lässt sich denn schon gerne sagen, welche Braut er heiraten soll? Dies soll aber keine Rechtfertigung für Gewaltausbrüche sein, damit das auch klar ist.

Zurück zum Sport: Der 1.FC Köln startete mehr als zufriedenstellend in das Jahr 2017, ein Remis in Mainz zum „warm werden“, ein „Häste-dat-jesinn-Erlebnis“ beim 6:1-Auswärtssieg in Darmstadt sowie ein in Braveheart-Manier erkämpfter 1:0-Sieg über die „Betriebssportgruppe Volkswagen“ ließen das Herz des FC-Fans an sich höher schlagen. Womit? Mit Recht!

Drei Schritte vor und zwei zurück

Aber kaum lässt man den Gedanken an höhere Ziele zu, zeigten unsere Helden mit dem Geißbock auf der Brust, dass die europäischen Bäume nicht in den Himmel wachsen. Der FC vergeigte zunächst sein DFB-Pokalgastspiel beim zuvor doch recht erfolglos-chaotischen HSV sowie das Match beim frechen Breisgau-Streichorchester im Schwarzwald. Zwei mehr oder weniger unnötige Niederlagen sorgten für Kritik und trübe Stimmung. Womit? Mit Recht?

Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

Die Fußball-Misanthropen gewinnen nach solchen Ergebnissen gerne die Oberhand, sprechen vom „schlechten Torwart, der sowieso überschätzten Abwehr sowie einer totalen Abhängigkeit von 16-Tore-Mann Modeste“. Auch Trainer Peter Stöger hat sich in ihren Augen vom heiligen „St. Öger“ der ersten Spiele wieder zum „schwarzen Peter“ gewandelt, eben dank seiner angeblich fehlerhaften Aufstellung in Hamburg und in Freiburg. Doch wer kann schon beweisen, ob man mit der Elf aus den ersten Spielen mehr erreicht hätte?

Aber so ist er, der gemeine Fußballfan und der effzeh-Anhänger sowieso. Der Verfasser dieser Zeilen macht da keine Ausnahme. Man wird quasi zum Fußball-Soziopathen, ist temporär sozial unverträglich und muss auch aufpassen, dass das Familienleben nicht unter der üblen Laune leidet. Der FC hatte bis dato das Verlieren ja bereits quasi eingestellt und man wähnte sich ja in siegestrunkenen Gedankenspielen schon auf dem Flughafen oder Bahnhof Richtung Milano. Da können die doch nicht einfach bei solchen machbaren Gegnern verlieren, oder?

Besser als in der letzten Meistersaison

Natürlich relativieren sich diese Gedanken bald wieder und man weiß, was man an dieser Mannschaft und dem Trainerteam hat. Nämlich den nachweisbar besten 1. FC Köln seit vielen Wintern. An dieser Stelle erspare ich mir die positiven Saisonstatistiken, sie sind bekannt. Nur eine möchte ich noch einmal hervorkramen.: Bei seiner letzten Meisterschaft in der Saison 1977/1978 hatte der 1. FC Köln bis zum 20. Spieltag bereits fünf Niederlagen eingesammelt. Aktuell steht der heutige FC mit gerade mal vier Niederlagen also tatsächlich besser da.

effzeh-Coach Peter Stöger
(Dean Mouhtaropoulos/Bongarts/Getty Images)

Vergleiche mit der Historie mögen hinken, dennoch beweist dieser Fakt die Außergewöhnlichkeit dieser bisherigen Saison. Dass die Double-Truppe um den genialen Heinz Flohe, Tormaschine Dieter Müller, Weltmeister Bernd Cullmann, Torwartgott Toni Schumacher und den vielen anderen bekannten Helden aus den glorreichen 70er Jahren dafür mehr Siege auf dem Konto hat, kann man der heute sich noch in der Entwicklung befindlichen Mannschaft ja nicht vorwerfen.

Zurück in die Gegenwart: Es folgen nun interessante Spiele gegen Schalke, in Leipzig und daheim gegen die Bayern. In der Hinrunde blieb der FC gegen diese Gegner ungeschlagen und es hätte wohl keiner aus dem FC-Umfeld etwas dagegen, wenn es so bleiben würde. Erwarten darf man es nicht, aber wenn es doch gelingen sollte … ja, diesen deutlich süßeren Geschmack möchten sicher alle FC-Fans wieder genießen. Falls es aber nicht klappt, bald ist Karneval …

Euer Ralf Friedrichs
vom FC-Stammtisch Talk
(am 20.2. wieder in der „Kölsch-Kultur“)

Vielen ist Ralf Friedrichs als Moderator des FC-Stammtisches bekannt. Der passionierte Anhänger des 1. FC Köln veröffentlichte darüber hinaus die Satirereihe „Neulich am Geißbockheim“ sowie weitere Romane. Einmal im Monat meldet er sich auf effzeh.com in seinem Kalenderblatt zu Wort.

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