Wir schreiben Ende September, der 1. FC Köln ist in einer veritablen sportlichen Krise – doch die Fans zeigen sich derzeit von ihrer besten Seite.

Egal, wie das Jahr 2017 für den 1. FC Köln enden wird, in der Rückschau wird es immer ein besonderes bleiben. Nach einem Vierteljahrhundert mehr oder weniger in der sportlichen Diaspora schaffte es der einst so erfolgreiche Verein vom Rhein, sich für einen europäischen Wettbewerb zu qualifizieren. Zwar war das vor der vergangenen Saison nicht wirklich als Ziel ausgegeben worden, doch auch im Zuge der schwächelnden Konkurrenz konnte sich die Mannschaft von Peter Stöger auf den letzten Drücker auf Platz fünf hieven.

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Im Frühjahr waren es insbesondere die Heimspiele gegen Hertha BSC (4:2), Bremen (4:3) und natürlich Mainz (2:0), die einen Spannungsbogen bis zum letzten Spieltag boten. Dort zeigte sich dann, welch unfassbare emotionale Kraft das Erreichen eines lange nicht mehr für möglich gehaltenen sportlichen Ziels freisetzen kann. Zu Tausenden strömten die komplett euphorisierten effzeh-Fans auf das Feld und trugen ihre Helden auf den Schultern – Bilder, die in Erinnerung blieben.

Europapokal 2017: Ein Triumph für die Fans

Natürlich war es auch der Verdienst der Spieler, die mit ruhiger und kontinuierlicher Arbeit dafür sorgten, dass der 1. FC Köln über Monate stabilen Fußball bot. Doch der eigentliche Sieger dieser Saison waren in Köln die Fans. Auch in den schwierigen Jahren in Liga zwei hielten sie dem Verein die Treue, der insbesondere nach dem Abstieg 2012 kurz vor dem Kollaps stand. Als eine der wenigen Konstanten unterstützten sie weiter den Verein, an den sie ihr Herz verloren hatten. Diese Treue, diese Hingabe und auch diese Leidensfähigkeit dauerten an, selbst in den Jahren, in denen die sportlichen Entscheidungsträger ebenso konstant ihre Inkompetenz zeigten. Von daher war es mehr als verdient, dass die Fans, die so lange gelitten hatten, Ende Mai endlich mal wieder stolz auf ihren Verein sein konnten.

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Wozu die effzeh-Fans zu leisten imstande sind, wenn sie jemandem ihr Herz geschenkt haben, zeigte sich auch bei Lukas Podolskis Abschiedsspiel in der Nationalmannschaft im März. In Dortmund trat die DFB-Auswahl damals gegen England an und man bekam beim Blick auf die Tribünen des Westfalenstadions den Eindruck, halb Köln habe sich auf den Weg gemacht, um den Prinzen zu verabschieden. „Ach, diese verrückten Kölner wieder“, sagten viele Beobachter halb schulterzuckend, halb bewundernd, als Podolski zur nächsten Ehrenrunde ansetzte und jeden Fan herzte, der nur annähernd irgendetwas Rotes trug oder auch die Fahne mit dem Stadtwappen schwenkte.

Trotz des sportlichen Höhenflugs gab es auch Misstöne

So reihte sich im Frühjahr stimmungsmäßig Höhepunkt an Höhepunkt, allerdings auch nicht komplett ohne Misstöne – beim Heimspiel gegen die Hoffenheim im April äußerten einige effzeh-Fans ihre Abneigung gegen das Konstrukt Hoffenheim und dessen Mäzen Dietmar Hopp in Form von einem geschmacklich sicherlich nicht ganz hasenreinen Doppelhalter, Gesänge inklusive. In der Folge kam es zwischen Verein und Fanszene zu einem mittelschweren Zerwürfnis, weil tatsächlich Stadionverbote deswegen ausgesprochen wurden. effzeh.com schrieb damals: „Im Zuge der Professionalisierung des Klubs fühlt sich die aktive Fanszene – zu Beginn der Spinner-Ära noch im Fokus der Klub-Strategie, den Verein zu vereinen – zunehmend gering geschätzt. Insbesondere in der öffentlichen Wahrnehmung, die die Verantwortlichen durch ihre Aussage prägen, sehen sich viele oft zu Unrecht kritisiert.“

Sportlich läuft beim effzeh aktuell nicht viel zusammen | Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Dass der 1. FC Köln und seine Verantwortlichen damals nicht offen zu den eigenen Fans standen und diese eigentlich direkt dem DFB auslieferten, sorgte in der Kurve verständlicherweise für Unzufriedenheit. Bereits zuvor war das Verhältnis zwischen Vorstand und Geschäftsführung auf der einen sowie der aktiven Fanszene auf der anderen Seite merklich abgekühlt. Auf dem Wege hin zu einem piekfeinen Bundesligisten mit Kooperationspartnern aus Fernost, so äußern viele ihre Sorgen, schien und scheint eine aktive und leidenschaftliche Fanszene eher ein Klotz am Bein zu sein, wie der Verein mehrfach unter Beweis stellte. Der sportliche Erfolg sorgte danach dafür, dass viele kritische Stimmen übertönt wurden und es dann hieß, man solle „sich doch einfach mal freuen“.

Herbst 2017: Ergebnisse katastrophal, Support überragend

Wie sehr die Fans immer noch mit dem effzeh mitfiebern, zeigte sich dann trotz allem in den Vorwochen zum ersten Europapokal-Spiel in London. Über die verschiedensten legalen und halb-legalen Wege wurde versucht, sich eine Karte für dieses Jahrhundertereignis zu sichern. Die Art und Weise, in welcher Quantität und Qualität die Mannschaft in diesem Spiel unterstützt wurde, war europaweit einzigartig und zeigte auf, dass Misstöne zwischen Einzelpersonen und Spannungen zwischen Gruppierungen überhaupt keine Rolle spielen, wenn es darum geht, den 1. FC Köln bei seinem ersten europäischen Spiel seit einem Vierteljahrhundert zu unterstützen. Die Bilder des Fan-Marsches und die auslassen-ungläubige Stimmung nach dem Führungstor werden sich auf ewig in das Gedächtnis aller Fans einbrennen, die bei diesem historischen Moment dabei waren.

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Erstaunlich ist nämlich Folgendes: Zu Zehntausenden machten sich die Kölner Fans auf, um diesem Ereignis beizuwohnen – trotz der sportlich momentan misslichen Lage. Seit dem Spiel in London hat der 1. FC Köln immer noch nicht gewonnen, geschweige denn ein Tor geschossen.  In Dortmund verlor man mit 0:5, obwohl der Support der Auswärtsfans über weite Strecken der Partie erneut überragend war. Zuhause gegen Eintracht Frankfurt verlor man mit 0:1, in Hannover spielte man 0:0.

Beide Male wurde die Mannschaft bedingungslos unterstützt, anstatt irgendwie Stimmung gegen eine verfehlte Einkaufspolitik oder formschwache Spieler zu machen. Das nächste Highlight folgte dann mit einer beeindruckenden Pyro-Show vor dem ersten Europapokal-Heimspiel gegen Belgrad, bei dem der effzeh allerdings erneut unterlag – einer peinlichen ersten Halbzeit folgte eine zweite, in der sowohl Mannschaft als auch Fans im Rahmen ihrer Möglichkeiten alles unternahmen, um irgendwie doch noch zum Ausgleich zu kommen.

Der Ärger der Fans trifft (noch) nicht die Mannschaft

An anderen Standorten hätte es wohl angesichts des bedrückenden Absturzes nach dem Höhenflug Pfiffe ohne Ende gegeben, doch in Köln genießt die Mannschaft (noch) den Kredit der Fans – weil diese wissen, dass a) die sportliche Situation auch noch schlimmer sein kann (man erinnere sich an die Jahre unter Solbakken und Co.) und b) momentan eher kritisch auf das geschaut wird und werden sollte, was auf der strategisch-planerischen Ebene beim 1. FC Köln abgeht.

Denn während sich die Mannschaft des 1. FC Köln aktuell wie ein Abstiegskandidat präsentiert, überbieten sich die Verantwortlichen sich regelmäßig darin, wer denn die dünnhäutigere Reaktion auf jegliche Form von Kritik zeigt. Am Montag, als während der Mitgliederversammlung in einer leidenschaftlich geführten Debatte versucht wurde, eine Zwei-Drittel-Mehrheit für die Initiative „100 % FC – Dein Verein“ zu erreichen, zeigte sich ebenfalls, dass die Fanszene bereit ist, für die eigenen Belange zu kämpfen – und das in Form von Reden, deren Gehalt im Gegensatz zu denen der Vertreter der Vorstandslinie über „Vertraut ihnen, sie machen einen guten Job“ hinausgingen.

Trotz Platz 18: „Durch dick & dünn“ ist keine hohle Phrase

Es muss einem daher nicht bange sein, dass der 1. FC Köln sowohl auf sportlicher als auch strategischer Ebene in Zukunft so agieren kann, wie es ihm beliebt – die Menschen, denen der Verein am Herzen liegt, werden es aufmerksam und kritisch verfolgen. Egal, welche Strategie der Verein in Zukunft fahren möchte: Man wird schnell merken, dass die leidenschaftlichen und aktiven Fans trotz mancher Schwierigkeiten das einzige wirklich nachhaltige Gut des Vereins sind. Das wird sich auch am kommenden Sonntag wieder zeigen, wenn der 1. FC Köln im Heimspiel gegen Leipzig antritt. Auch in dieser schwierigen sportlichen Situation werden die Fans wieder zeigen, dass der Ruf „Die rote Wand steht hinter dir!“ keine hohle Phrase ist. Trotz Platz 18 und schwierigen Wochen zuletzt: Jetzt erst recht!

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2 Kommentare

  1. Der Vorteil, wenn man sich selber lobt, liegt darin, dass man so dick und genau an der richtigen Stelle auftragen kann.

    Der Verein ist das Wichtigste und nicht die Profilierung einiger Fans und ihre Sucht nach Anerkennung. Das Verhalten gegen Hoffenheim und bei anderen Begegnungen so zu verharmlosen ist einfach nur unterirdisch und zeigt wie selbstverliebt man und sich nicht selbstreflektierend hinterfragt.

    Das einige Anhänger in London nicht benehmen konnten war peinlich. Unabhängig von den vielen Leuten die in London den FC super unterstützt haben und gute Stimmung verbreitet haben.

    Das sich bei der Mitgliederversammlung Leute nicht im Griff haben und mit ihrer Gier nach einem Hoddie Mitarbeiter angegriffen haben, ist auch nicht gerade fein.

    Aber klopft euch nur weiter auf die Schulter und findet toll was ihr macht, aber eure Meinung ist nicht mein und sie wird nicht bessere nur weil man sie lauthals gröllt.

    • Falsche Sportart? ^^

      Versuch’s mal mit Golf …

      Ein anderer „Verein“ wär vielleicht auch ’ne Überlegung wert – ich empfehle da einen englischen Klub (nur Sitzplätze, atemberaubende Stimmung in den Stadien) oder die ostdeutsche Konzernfiliale und de facto Vereinskarikatur eines österreichischen Gummibärchenpisseherstellers ….

      Aseptisch, steril, sehr sauber, fremdgesteuert und das Werbelogo ersetzt das Vereinswappen des Vereins, der kein Verein mehr ist. Helene Fischer trällert in der Halbzeit und über allem schwebt ein Hauch von Disneyworld.

      Und demnächst bitte beim Betreten des Stadions auch immer schön die Paybackkarte vorzeigen …