Niedersachsens Innnenminister droht mit personalisierten Tickets und Stehplatzverboten und will einen Fußballgipfel. Es ist das übliche Wahlkampfgelaber.

Fliegende Sitzschalen in München und ein Platzsturm in Braunschweig – die Relegations-Endspiele haben dem deutschen Fußball mal wieder ein denkwürdiges Finale beschert. Bei 1860 München herrscht das Chaos und der VfL Wolfsburg konnte sich dank seines deutlich höheren Budgets wenig überraschend gegen Eintracht Braunschweig durchsetzen. Dennoch hätte es – außer in München – eine ganz geruhsame Off-Season werden können. Eigentlich.

Denn – der geneigte Leser weiß das – es ist Wahljahr. Im September entscheidet das Land über die zukünftige Machtverteilung im Parlament. Und das bedeutet eben auch: Es ist Wahlkampfzeit. Mittlerweile ist es dabei zur guten politischen Tradition geworden, dass sich – wenn es mal wieder um Wählerstimmen geht – bis dato recht unbekannte politische Akteure darin probieren, mit dem Themenfeld „Fußball“ ein paar Stimmen zu sammeln.

Fußball mit „Gewaltproblem“ – mal wieder

Denn – und das muss man als Stadionbesucher erst einmal wissen – der deutsche Fußball hat ein „Gewaltproblem“. Mal wieder. Immer noch. Oder schon wieder? Man weiß es nicht, aber wie dem auch sei: Während sich diejenigen, die tatsächlich ins Stadion gehen, sicherer als je zuvor fühlen, sieht sich nach den Vorfällen in den Relegationsspielen mal wieder ein Innenpolitiker genötigt, mit harten Konsequenzen zu drohen, um sich so zu profilieren.

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Nicht das wir uns falsch verstehen: Fliegende Sitzschalen braucht keiner, von negativen Gefühlen angetriebene Platzstürme ebenfalls nicht. Dass beim Saisonfinale auch Pyrotechnik gezündet wird, dürfte ebenso wie beim DFB-Pokalfinale jedoch nicht überraschen – über Sinn und Unsinn des Feuerwerks kann man natürlich dennoch trefflich streiten. Darüber, dass Pyrotechnik weder in andere Blöcke noch auf den Platz geworden werden darf, allerdings nicht. Doch sind das wirklich schon die Symptome eines großen Gewaltproblems, das eine politische Intervention nötig machen würde? Wohl kaum. Es ist eben Wahljahr. Und das Vakuum dummen Gelabers, das der ehemalige Lautsprecher zum Thema, Polizeigewerkschafter Rainer Wendt, nach seiner öffentlichen Selbstdemontage hinterlassen hat, will nun einmal gefüllt werden.

Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images

„Ich finde es abstoßend, wie der Fußball für solche Randale missbraucht wird“, sagt nun also Boris Pistorius. Der Innenminister von Niedersachsen, so konnte man es vernehmen, will gegen die „zunehmende Fangewalt“ vorgehen. „Ich sage es nicht gerne, aber die Ultima Ratio sind leere Kurven, wenn die Gewalt von Teilen der Fanblocks auch durch die Polizei und Ordner nicht mehr beherrschbar ist“, erklärt der SPD-Politiker seinen Standpunkt. Das hat mit der Realität zwar kaum etwas zu tun, klingt aber eben schön nach starkem Mann, der sich seine gefährdeten Bürger beschützen (wie viele Tote und Verletzte gab es in der Relegation noch gleich?) will. Dass Pistorius im gleichen Atemzug ankündigt, auch über personalisierte Tickets, Einschränkungen der Reisefreiheit bei brisanten Spielen und die Abschaffung der Stehplätze nachdenken zu wollen, überrascht da schon nicht mehr.

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Dass Fans von Hannover 96 vor Gericht bereits erfolgreich gegen diese Einschränkung der Reisefreiheit geklagt haben, sie also juristisch nicht haltbar ist, kümmert den Innenminister dabei natürlich genauso wenig, wie der Umstand, dass die schlimmsten Vorfälle der diesjährigen Relegation in München von Sitzplätzen aus geschehen sind. Ein zunehmendes Gewaltproblem lässt sich im deutschen Fußball übrigens statistisch nicht nachweisen – das aber ist Pistorius freilich ebenfalls egal.

Wahlkampf wichtiger als vernünftige Lösungen

„Es gibt nur eine Antwort: lebenslange Stadionverbote“, erklärt der SPD-Politiker dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ in Hinblick auf die jüngsten Vorfälle. Dass man derartig emotionale Szenen vermeiden könnte, indem man zunächst einmal den Relegationsmodus in Frage stellt, lässt Pistorius natürlich außer acht – derartige Überlegungen sind vermutlich einfach zu sachorientiert und vernünftig in Wahlkampf-Zeiten.

Der Minister hat da eine vermeintlich bessere Idee: Er möchte im August in Hannover einen „Fußballgipfel“ abhalten und dort mit Funktionären und Fans ins Gespräch kommen. „Wem gehört eigentlich der Fußball? Dem Familienvater auf der Sitztribüne, den VIP-Gästen, den Funktionären oder der Kurve?“ Mit der Teilnahme von Vertretern der aktiven Fanszene kann Pistorius nach seinem Gepolter allerdings eher nicht rechnen. Doch das dürfte dem Innenminister im Endeffekt wohl gerade recht sein: Durch das durch seine Aussagen provozierte Fernbleiben der hartgesottenen Fans wird der SPD-Mann im August nach seinem Fußballgipfelchen von „mangelnder Dialogbereitschaft“ auf Seiten „der Ultras“ daher faseln können. Man dürfe die Deutungshoheit über die Fankultur nicht dem harten Kern des Fanblocks überlassen, ist schließlich schon im Vorfeld die Devise des Ministers. Am Ende wird im August – wie immer bei derartigen Gipfeln – nicht mit, sondern über die Fans gesprochen werden. Ob die Deutungshoheit bei ahnungslosen Innenministern im Wahlkampfmodus und realitätsfremden Funktionären besser aufgehoben ist, darf allerdings bezweifelt werden.

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2 Kommentare

  1. Werner Wingenfeld am

    Leute, seid doch bitte nicht blind. Die Radikalisierung von Teilen der Fans ist doch offensichtlich. Mich würde interessieren, wie der Autor zur Ansicht gelangt, sie sei „statistisch nicht nachweisbar“? Wer natürlich die alten Zustände nur aus den Märchenbüchern der Großeltern kennt, nimmt vielleicht die heutigen Zustände als selbstverständlich und gottgegeben hin. Mein erstes großes Effzeh-Erlebnis war das Pokalfinale 1968 in Ludwigshafen, wohin wir mit einem Sonderzug gefahren sind. Natürlich haben wir (vor allem auf dem Rückweg) gesoffen, aber Randale gab es keine. Das war damals eine Art Ehrenkodex. Wohin ist der entschwunden?