Als Schlusslicht geht es zum Überraschungsaufsteiger: Vor dem Duell in Hannover sprechen mit 96-Fan Tobias über den Traumstart, Martin Kind und Fanprobleme.

Nach fünf Niederlagen zum Saisonstart geht es für den 1. FC Köln am Sonntag zu Hannover 96. Bei den Niedersachsen ist die Stimmung ähnlich zwiegespalten wie beim effzeh, wenngleich auch aus ganz anderen Gründen: Während in Köln der desaströse sportliche Zustand die Europapokal-Euphorie schmälert, kam 96 trotz großer Querelen unter den eigenen Fans perfekt aus dem Startblock. Vor dem ungleichen Duell zwischen dem Überraschungsaufsteiger und dem Tabellenschlusslicht sprechen wir mit 96-Fan Tobias-Felix Krause, seines Zeichens freier Sportjournalist und Teil des Fan-Magazins 96Freunde, über den Traumstart, Martin Kind und Fanprobleme.

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Im Gegensatz zu uns seid ihr richtig, richtig stark aus den Startlöchern gekommen. Die Laune in Hannover dürfte sportlich ungetrübt sein, oder?

Sportlich gibt es in der Tat nichts bis wenig zu meckern. Allerdings neige ich bisweilen zur Schwarzmalerei. Von daher könnte ich dir einige Haare in der Suppe präsentieren.

Architekt des Höhenflugs ist André Breitenreiter, der als 96-Trainer spät in der vergangenen Saison übernahm und den Aufstieg eintütete. Was macht ihn bei Euch so erfolgreich?

Zunächst ist er ein echter Hannoveraner. Außerdem ist er einer unser 92er Pokalhelden. Dadurch punktet er bei mir gleich doppelt. Davon abgesehen präsentiert er sich seit seinem Amtsantritt als akribischer Arbeiter. Er kann seine Mannschaft taktisch auf ein neues Level anheben und perfekt auf den jeweiligen Gegner einstimmen.

Der Generalschlüssel ist der Trainer. Er beweist eine unglaubliche Qualität in der Arbeit mit der Mannschaft. Und vorne haben wir Martin Harnik. Dem gelingt derzeit beinahe alles. Das kann einem schon unheimlich werden.

Breitenreiter übernahm von Daniel Stendel, der bei den Fans recht beliebt war und den Klub nach dem Abstieg auch in der Spur gehalten hatte. Konntest du die Entscheidung damals nachvollziehen?

Ja, das konnte ich. So sehr ich Daniel Stendel persönlich geschätzt habe, so gefährdet war das große Ziel „sofortiger Wiederaufstieg“. Einen anderen als Breitenreiter hätte ich allerdings als schwer vermittelbar gehalten. Für mich persönlich war die emotionale Bindung zu Breitenreiter auch größer. Schließlich war er einer meiner Helden zu Beginn meiner Fankarriere. Die Ergebnisse im Anschluss legitimieren Entscheidung umso mehr.

Sportlich seid ihr jedenfalls auf Kurs. Was sind die Schlüssel(spieler) für diese Entwicklung? Woran hapert es trotz des guten Starts noch bei 96?

Der Generalschlüssel ist der Trainer. Er beweist eine unglaubliche Qualität in der Arbeit mit der Mannschaft. Ansonsten hat man mit dem Ex-Frankfurter und Hoffenheimer, Pirmin Schwegler, einen neuen Chefstrategen im zentralen Mittelfeld. Er gefällt mir ausgesprochen gut. In der Defensive wurden Dank Julian Korb und mit Abstrichen auch Matthias Ostrzolek die Lücken auf den Seiten geschlossen. Felipe gibt den Turm in der Abwehr. Und die Klasse von Salif Sané hat sich ja auch bis an den Rhein rumgesprochen. Vorne haben wir Martin Harnik. Dem gelingt derzeit beinahe alles. Das kann einem schon unheimlich werden.

FREIBURG GERMANY - SEPTEMBER 20: Headcoach Andre Breitenreiter of Hannover 96 reacts during the Bundesliga match between Sport Club Freiburg and Hannover 96 at Schwarzwald-Stadion on September 20, 2017 in Freiburg, Germany. (Photo by Michael Kienzler/Bongarts/Getty Images)

Foto: Michael Kienzler/Bongarts/Getty Images

Insbesondere zuhause klappt es hervorragend. Überrascht dich das angesichts der Spannungen, die derzeit auch auf den Tribünen im Niedersachsenstadion vorherrschen?

Ja, das überrascht mich sogar sehr. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass sich die Mannschaft von der fehlenden Unterstützung des harten Kerns nicht aus dem Konzept bringen lässt.

Die Stimmung könnte nicht schlechter sein. Das Schlimmste ist die Spaltung untereinander. Gegen den HSV kam es zu Handgreiflichkeiten zwischen 96ern. Das ist der absolute Tiefpunkt. Für mich ist das einfach nur erbärmlich.

Außerhalb des Platzes steht der Verein wie angesprochen derzeit gar nicht gut da. Die Ultras revoltieren gegen Martin Kind, der 96 einem nicht bindenden Beschluss der Mitgliederversammlung zum Trotz möglichst schnell übernehmen will. Schilder uns doch einmal die Stimmungslage in Hannover!

Die Stimmung könnte nicht schlechter sein. Martin Kind zieht seine Linie knallhart durch und wünscht sich dazu noch eine saubere Kurve mit neuen Fans. Die wachsen in Hannover aber nicht auf Bäumen. Das Schlimmste ist aber die Spaltung untereinander. Gegen den HSV kam es zu Handgreiflichkeiten zwischen 96ern. Das ist der absolute Tiefpunkt. Für mich ist das einfach nur erbärmlich. Und die Gewalt ging dabei keinesfalls von unserer Fanszene im Norden aus.

Eine solche Spaltung des Klubs haben wir bereits erlebt. Was macht das mit dir als Fan?

Es macht mich betroffen, traurig und wütend. Ich bin innerlich zerrissen. Die tolle Mannschaft begeistert mich. Das Vorgehen von Martin Kind kann und will ich auf der anderen Seite nicht einfach so hinnehmen. Es gab schon deutlich leichtere Tage, 96-Fan zu sein.

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Drohen die Diskussionen um dieses Thema Eure Saison zu überschatten? Selbst der tolle Start ist oft kein Thema, sondern es wird fast ausschließlich über die Spannungen rund um den Verein berichtet.

Ich finde es wichtig, dass über das Themen berichtet wird. Mir fehlt dabei leider oft die Objektivität. Es wird gern so getan, als ob man die Verdienste von Martin Kind auf Fanseite komplett ausblendet. Das ist aber in keinster Weise der Fall. Man verschließt einfach nur nicht die Augen vor Dingen, die Kritik verdienen. Diese Kritik dürfte auch gern von anderen Medienmachern zur Kenntnis genommen werden. Die Mannschaft zeigt ja, dass sie sich dennoch auf das Sportliche konzentrieren kann.

HANOVER, GERMANY - AUGUST 27: Fans of Hannover iwave their flags during the Bundesliga match between Hannover 96 and FC Schalke 04 at HDI-Arena on August 27, 2017 in Hanover, Germany. (Photo by Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)

Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)

Bei uns ist dagegen aktuell der Wurm drin, vier Monate nach dem Einzug in den Europapokal sind wir hart auf dem Boden der Tatsachen aufgeschlagen. Wie blickst du von außen auf diese Entwicklung?

Schon in der letzten Rückrunde hatte ich leichte Wackler bei euch vernommen. Da habt ihr euch allerdings nach den Niederlagen in Hamburg und in Augsburg nicht aus der Ruhe bringen lassen. Jhon Cordoba scheint einen Anthony Modeste nicht adäquat ersetzen zu können. Wenn dann noch Leistungsträger der Vorsaison ihre Form verloren haben, dann kann das ganz schnell eng für euch werden. In Hannover, gegen Leipzig und in Stuttgart müsst ihr auch nicht zwingend punkten. Sonntag könnte schon zu einem Schlüsselspiel für den weiteren Verlauf in der Hinrunde werden. Außerdem bin ich sehr gespannt, wie Jörg Schmadtke auf weitere Niederlagen reagieren würde.

Ihr steht schon mit dem Rücken zur Wand und müsst beim Aufsteiger was mitnehmen. Ich bin gespannt, ob Peter Stöger voll auf Offensive setzt. Sonntag könnte schon zu einem Schlüsselspiel für den weiteren Verlauf in der Hinrunde werden.

Letzter zu Gast beim Überraschungsteam: Was erwartest du für ein Spiel am Sonntag?

Ihr steht schon mit dem Rücken zur Wand und müsst beim Aufsteiger was mitnehmen. Ich bin gespannt, ob Peter Stöger voll auf Offensive setzt. 96 wird mit breiter Brust aus der gut gestaffelten Defensive mit viel Ballkontrolle das Spiel aufziehen und mit schnellen Angriffen eure Defensive fordern. Da sich diese bisher als äußerst wacklig präsentiert hat, rechne ich mit dem einen oder anderen Tor für die Roten.

Zum Schluss: Dein Tipp, bitte!

Es wird einen Heimsieg zu feiern geben. 96 schickt den effzeh mit 2:0 zurück in die Domstadt.

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