Nach Derby zum Spieltagsabschluss kommt der Spieltagsauftakt gegen Hamburg: Vor dem Duell sprechen wir mit Spiegel-Online-Journalist Christian Helms über seinen HSV, Mergim Mavraj – und den Champions-League-Sieg in fünf Jahren.

An einem für die Vereinshistorie bedeutenden Tag tritt der effzeh im ersten Heimspiel der Saison gegen den HSV an – trotz des Trubels um die Europa-League-Auslosung ist das Duell gegen den Hamburger Sport-Verein von eminenter Bedeutung. Während Nicolai Müller dem HSV mit seinem Siegtor zum 1:0 gegen den FC Augsburg die ersten drei Punkte brachte, unterlag der effzeh in Mönchengladbach – Zeit also für Wiedergutmachung. Mit Christian Helms (@ChristianHelms), Journalist bei Spiegel Online, sprachen wir über die jüngste, bewegte Vergangenheit des HSV, Investor Klaus-Michael Kühne und die Aussichten für die neue Saison.

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Christian, der HSV ist eigentlich mit einem Heimsieg gut gestartet, trotzdem wird die Berichterstattung über den HSV von einer sehr unglücklichen Verletzung dominiert – ist die Entstehung von Nicolai Müllers Kreuzbandriss tatsächlich „typisch HSV“?

Rund um den HSV werden halt solche Geschichten immer gleich reflexartig in die gaaaanz große Erzählung vom dümmlichen Trottelverein, in dem nur Dilettanten vor sich hinwerkeln, eingebettet. (Ich habe nicht gesagt, dass da nicht auch 50+1 Körnchen Wahrheit dran wären.) Wenn der FC Augsburg im Pokal in Magdeburg verliert, ist er halt bei einem Drittligisten ausgeschieden; verliert der HSV in Osnabrück, ist es gleich das „Deppen-Aus in der Provinz“. Dieses Loser-Image hat sich der Verein in den letzten Jahren mühevoll erarbeitet, aber das ist dann doch oft zu billig. Typisch? Nein. In erster Linie ist die Nummer richtig bitter für Nicolai Müller – gute Besserung –, in zweiter ein Riesenproblem für diese Mannschaft, weil Müller als einer der wenigen Spieler in diesem Kader torgefährlich ist.

„Das erste Bundesligaspiel hat mich einigermaßen schockiert“

Wie stufst du die Leistungsfähigkeit der Mannschaft nach der Vorbereitung ein? War das Spiel gegen Augsburg schon ein Gradmesser?

Vorbereitung, Schmorbereitung! Was zählt, sind Pflichtspiele. Und da hat mich das erste Bundesligaspiel leider einigermaßen schockiert: Der HSV hatte gegen Augsburg erneut keinen funktionierenden Plan, den Ball ins letzte Drittel zu befördern. Umso wichtiger war der schmeichelhafte und knappe Sieg, zumal ich Augsburg als eines von zwei Teams sehe, die am Ende hinter dem HSV landen könnten.

Mit Mergim Mavraj spielt ein ehemaliger Kölner in Hamburg, der neulich verlauten ließ, der „Klassenerhalt mit dem HSV“ sei „besser gewesen als die Europa-Qualifikation mit dem effzeh“. Kann man das ernst meinen?

Was soll er denn auch sonst sagen?! „Ich hätte viel lieber mit meinen alten Kollegen gefeiert, hier in Hamburg ist alles nicht so prall“? Mergim Mavraj ist ein guter Typ, hat ja auch nie einen Hehl daraus gemacht, dass er des Gehaltes wegen in den Volkspark gewechselt ist. Wes Brot ich ess, dem liefere ich die passende Schlagzeile.

Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Nach der Last-Minute-Rettung in der vergangenen Saison sagen viele, dieses Jahr sei der HSV endlich dran – wie stehst du dazu? Glaubst du an den erneuten Klassenerhalt?

Ich habe in den letzten Jahren dreimal meinen Frieden mit diesem Gedanken gemacht, insofern bin ich da recht gelassen. Nach Bruno Labbadias erstem Spiel (0:1 in Bremen), in der 85. Minute des Relegationsrückspiels beim KSC und letztes Jahr am 12. Spieltag der Hinrunde (2:2 gegen Bremen, vierter Saisonpunkt). Je mehr ich da gerade drüber nachdenke: Nee, der HSV steigt auch 2018 nicht ab. Wahrscheinlich nicht mal, wenn die Hölle und die Außenalster gleichzeitig zufrieren.

Mergim Mavraj ist ein guter Typ, hat ja auch nie einen Hehl daraus gemacht, dass er des Gehaltes wegen in den Volkspark gewechselt ist.

Der HSV ist in der Öffentlichkeit mittlerweile das, was der effzeh vor einigen Jahren war – der Verein kommt quasi nicht zur Ruhe und liefert immer wieder neue kontroverse Geschichten. Hoffst du auf ein Ende der Chaos-Zeit oder gefällt dir das ganz gut?

Ich blicke da schon ein wenig neidisch nach Köln. So eine Saison wie 2014/15, als der FC mit gefühlten 15 torlosen Remis in Müngersdorf sehr geräuschlos als Tabellenzwölfter die Klasse gehalten hat, so etwas würde uns allen ganz gut tun. „Verlorene“ Rucksäcke im Jenisch-Park oder Wortgefechte zwischen einem Logistik-Milliardär und Mutter Lasogga braucht kein Mensch.

„Am Freitag könnte es einigermaßen unattraktiv werden“

Keine unwesentliche Rolle in der ganzen Entwicklung spielt Investor Klaus-Michael Kühne. Kannst du das Verhältnis zwischen ihm und den HSV-Fans beschreiben? Wie soll das Ganze eigentlich weitergehen?

Wie es weitergeht? Naja, der alte Mann buttert jetzt halt immer weiter Geld in den Verein, der dann in spätestens fünf Jahren die Champions League gewinnt. Dann feiern wir alle auf dem Rathausmarkt, die ganze Nacht. Das wird die Party des Jahres. Ja, das sagt mir mein Instinkt. Dann sind alle dabei. Es haben sich alle getroffen. Wir feiern bis zum Abwinken, da wird Konfetti geschossen. Geht wahrscheinlich ab, die ganze Nacht.

Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Kommen wir zum Spiel: Wie nimmt man in Hamburg die Entwicklung des effzeh wahr? 

Nochmal: sehr neidisch. Bis auf diese hässliche Stadt, in der er spielen muss. Aber der Klub: jedes Jahr ein kleiner, vernünftiger Schritt nach vorn. Leider ist Jörg Schmadtke damals nicht in Hamburg untergekommen.

Was für ein Spiel erwartest du am Freitag und wie sieht dein Tipp aus?

Schwierig. Ich glaube nicht, dass der HSV bis Freitagabend einen anderen Plan als „hinten sicher stehen, schnell und lang nach vorn und auf Ballgewinne im Mittelfeld hoffen“ entwickeln wird. Im Grunde ja auch ein Spiel, dass der FC selbst nicht ungern spielt. Könnte also einigermaßen unattraktiv werden – im Normalfall sehe ich Köln knapp stärker. 2:0.

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