Am Sonntagabend läuft im WDR der letzte Teil der Reihe „Mein Verein“, in der allen fünf Bundesligisten aus Nordrhein-Westfalen eine eigene Episode gewidmet wird. Während die Dokumentationen über Borussia Dortmund, Schalke 04, Borussia Mönchengladbach und Bayer Leverkusen bereits ausgestrahlt wurden, bildet der Film über den 1. FC Köln, wie könnte es anders sein, nun den krönenden Abschluss. Und wie schon in den vorherigen Episoden nahmen die Filmemacher auch diesmal den Claim des Vereins genau unter die Lupe. Also, was ist eigentlich so spürbar anders am 1. FC Köln? Das ist die zentrale Frage der Dokumentation, bei der mit Thomas Reinscheid auch einer der beiden effzeh.com-Chefredakteure Rede und Antwort gestanden hat. Vor der Ausstrahlung am Sonntagabend haben wir nun mit Autor Felix Becker über die Arbeit an der Dokumentation, seine Eindrücke vom Verein und das berühmte „Jeföhl“ gesprochen.

effzeh.com: In der fünfteiligen Doku-Reihe werden die fünf Bundesligisten aus NRW vorgestellt – gibt es da offensichtliche Gemeinsamkeiten oder Unterschiede?

Felix Becker: Gemeinsam haben sie, dass sie zum Business Fußball gehören und mittlerweile alle gucken müssen, dass man sich vermarktet und wie man das angeht. Ich kann aber eigentlich da nur für den 1. FC Köln sprechen, da ich nur diesen Film gemacht habe. Die anderen vier Dokumentationen wurden ja von Kollegen gemacht. In Köln sind aber auf jeden Fall die Menschen rund um den Club, die Fans und Mitglieder, die Woche für Woche ins Stadion gehen und den Club zum Leben bringen, die Besonderheit.

In Köln spricht man in diesem Zusammenhang gerne von einem „Jeföhl“, das den Verein ausmacht. Das würdest Du nach der Arbeit an der Dokumentation also unterschreiben?

Becker: Ehrlich gesagt, tue ich mich mit diesem „Jeföhl“-Gedanken ein wenig schwer. Ich hatte das Gefühl, dass man ein Stück weit versucht das selbst herzustellen – auch durch den Club, der ganz bewusst dieses Gefühl erzeugen will. Deshalb ist das auch nicht mehr so etwas Natürliches, wie es das vielleicht einmal war.

„Es gab dieses ‚Jeföhl‘ und das funktionierte auch“

Also hattest Du den Eindruck, das dieses „Jeföhl“ gar nicht mehr so sehr von den Anhängern und Fans ausgeht, sondern mittlerweile eher vom Wirtschaftsunternehmen 1. FC Köln bedient wird, weil man es als gute Marketing-Strategie erkannt hat?

Becker: Ja, ich glaube, es ist genau das. Es gab dieses „Jeföhl“ und das funktionierte auch. Und dann hat man sich gedacht, dass man das für die eigenen Zwecke bedienen und so für sich nutzen könnte.

COLOGNE, GERMANY - OCTOBER 15: Manager of Koel Joerg Schmadtke (L) and Head Coach Peter Stoeger stay together prior to the Bundesliga match between 1. FC Koeln and FC Ingolstadt 04 at RheinEnergieStadion on October 15, 2016 in Cologne, Germany. (Photo by Lukas Schulze/Bongarts/Getty Images)

Peter Stöger und Jörg Schmadtke kommen ebenfalls zu Wort | Foto: Lukas Schulze/Bongarts/Getty Images

Ist das also nur ein Mythos? Oder gibt es die spezielle Beziehung zwischen Stadtbevölkerung und dem 1. FC Köln tatsächlich?

Becker: Die gibt es auf jeden Fall. Wir sind bei der Dokumentation ja auch ein mit dem Anspruch heran gegangen, die Claims der Vereine zu überprüfen. In Köln ist das eben „Spürbar anders“ – also haben wir gefragt, was denn so spürbar anders ist am 1. FC Köln? Jeder hat uns gesagt: Es ist die Stimmung, es sind die Menschen rund um den Verein. Und einer hat uns den schönen Satz gesagt, dass der Zuspruch der Fans antiproportional zum Erfolg des Vereins gewachsen ist. Aber mittlerweile ist das natürlich nicht mehr so.

„Das macht einem so schnell keiner nach“

Wo es bei anderen Vereinen nach sportlichen Rückschlägen immer leerer im Stadion wurde, wurde es in Köln eher voller.

Becker: Absolut. Das ist etwas Einmaliges und das macht einem so schnell auch keiner nach. Auch wenn Stuttgart in der letzten Saison den Zuschauerrekord im Unterhaus geknackt hat, aber das ist ja eine ganz andere Situation gewesen – der VfB war jetzt einmal in der zweiten Bundesliga, 2007 sogar noch Meister.

Hast Du nach all den Gesprächen das Gefühl, dass diese Besonderheit den Club auch in Zukunft ausmachen wird, oder ist sportlicher Erfolg vielleicht überspitzt gefragt dafür sogar eine Bedrohung?

Becker: Ich glaube nicht, dass der sportliche Erfolg die Bedrohung ist. Es ist vielmehr so, dass man – und da kann ich nun mal deinen Kollegen Thomas Reinscheid zitieren – „im Erfolg die größten Fehler macht.“ Wenn man jetzt also sagt, man braucht ein Stadion für 75.000 Menschen und es ist total egal wo, ob nun in Troisdorf oder Hürth, dann weiß ich nicht, ob das so gut ist. Jetzt im Moment mag man diese Zuschauerzahl ja bekommen, aber kriegt man sie immer?

Davon ausgehen, dass Europapokal nun Normalität in Köln sein wird, kann man jedenfalls nicht.

Becker: Richtig. Da muss man aber fairerweise sagen, dass sich darüber im Club wirklich jeder im Klaren ist. Den Anspruch nächste Saison unbedingt wieder international zu spielen, konnte ich da nicht feststellen.

Foto: Dennis Grombkowski/Bongarts/Getty Images

Apropos feststellen: Ihr wolltet alle Facetten rund um den Club abbilden – habt ihr alle Gesprächspartner bekommen, die ihr euch gewünscht hattet?

Becker: Nein, natürlich nicht (lacht). Das klappt aber in den seltensten Fällen. Ich hatte mir zum Beispiel ausgemalt, dass wir auf der Geburtsstation vom St. Elisabeth Krankenhaus drehen könnten, weil es da ein FC-Zimmer gibt. Da hätten wir gerne mit einem Neugeborenen gedreht, aber das hat nicht geklappt. So eine Geburt lässt sich dann eben doch verdammt schlecht planen.

„Meistens gab es nicht einmal eine Antwort“

Die kleinsten Fans habt ihr also nicht vor die Linse bekommen. Wie sah es denn mit den leidenschaftlichsten Anhängern aus – sind Vertreter der Südkurve in der Dokumentation mit dabei?

Becker: Nein, das scheint praktisch unmöglich zu sein. Das muss man leider ganz ehrlich so sagen. Wir haben es wirklich über verschiedenste Wege versucht, aber meistens gab es nicht einmal eine Antwort oder es wurde aus Zeitgründen abgesagt. Das ist ein bisschen schade, weil es die Dokumentation natürlich noch ein bisschen nach vorne gebracht hätte, wenn man klare Standpunkte bekommen hätte, und den Verein damit hätte konfrontieren können. So mussten wir indirekter an die Sache heran gehen, mehr nach dem Motto: „Ihre Ultras sind ja unzufrieden – wie kommt‘s?“

Ihr hättet die Kritikpunkte der Anhänger also gerne mit ins Gespräch mit den Verantwortlichen beim 1. FC Köln genommen?

Becker: Ja, klar. Das ging ein Stück weit natürlich trotzdem, da die Kritikpunkte ja kein Geheimnis sind. Trotzdem ist es natürlich schöner, wenn man mit denjenigen einfach sprechen kann und das alles aus erster, statt aus zweiter Hand erfährt.

Nach monatelanger Arbeit mit vielen Gesprächen, Beobachtungen und Drehterminen: Wo siehst Du die größten Problemfelder, die auf den 1. FC Köln in Zukunft zukommen könnten?

Becker: Ich glaube tatsächlich, dass es ein Problem werden könnte, den Fan, der in der zweiten Liga die Treue gehalten hat, bei der Stange zu halten. Im Moment ist der Ansturm auf den Verein einfach riesengroß, da hatte ich ein wenig den Eindruck, dass man die Belange derer, die damals schon da waren, etwas aus den Augen verliert. Ich hoffe zwar, dass es nicht so ist. Aber das war mein Gefühl.

„Mein Verein: 1. FC Köln – Spürbar anders?“ läuft am 3. September um 21:45 Uhr im WDR Fernsehen. Auf der Webseite des WDR findet ihr mehr Informationen.

Vorschau: Peter Stöger in der WDR-Dokumentation
Video mit freundlicher Genehmigung des WDR Fernsehens

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