Peter Stöger macht Fehler. Genau wie sein Team hat auch der Wiener Trainer des 1.FC Köln die Leichtigkeit verloren, mit der er den effzeh so erfolgreich gemacht hat. Eine Annäherung an einen Coach auf der Suche nach der richtigen Mischung.

Eins vorweg: Für mich ist Peter Stöger ein großer Glücksgriff, ein Sympathieträger im wahrsten Sinne des Wortes, ein Garant für den erfolgreichen Weg des 1.FC Köln – weg von einer Fahrstuhlmannschaft, hin zu einem etablierten Bundesligateam. Stöger ist ein hervorragender Bundesliga-Trainer, Stöger kann einer Mannschaft einen Plan geben, er kann die einzelnen Spieler weiterentwickeln, dabei noch auf die Jugend setzen und gleichzeitig darauf achten, dass es nicht zu schnell geht. Und Peter Stöger trifft viele richtige Entscheidungen, vor einem Spiel, aber auch und besonders im Spiel selbst.

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Er ist kein Trainer, der einen Plan vorgibt und dann hilflos dabei zusieht, dass dieser vielleicht einmal nicht funktioniert. Der Kölner Trainer reagiert. Und sein Team zieht mit. Und jetzt kommt das Aber: Peter Stöger hat in den letzten Wochen Fehler gemacht. Für viele seiner Entscheidungen gibt es Gründe. Gute Gründe. Aber einige Entscheidungen waren falsch, richtig falsch sogar. Jetzt ist es natürlich leicht, das von außen und im Nachhinein so zu sagen, dennoch hat Stöger etwas verloren, dass ihn zu Beginn seiner Zeit in der schönsten Stadt Deutschlands und lange danach ausgezeichnet hat: sein goldenes Händchen.

Bundesliga-Trainer – Gladiatoren im Jahre 2017

Es sind Kleinigkeiten, die einen guten Fußballtrainer zu einem Volkshelden machen. Bei Jürgen Klopp ist es die absolut ehrliche Emotion am Spielfeldrand, im Gespräch mit Journalisten und Fans, in eigentlich jeder den Fußball betreffenden Situation. Klopp lebt Fußball, er lebt die Begeisterung für diesen Sport und für sein Team. Damit ist er „einer von uns“. Bei Peter Stöger ist das Ergebnis ganz ähnlich, jedoch tickt Stöger gänzlich anders.

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Entscheidend in der Liebesbeziehung zwischen Kölner Fans und dem Hauptverantwortlichen ihrer Mannschaft ist der Beginn der Beziehung. Was haben wir hier in Köln nicht schon für Heilsbringer kommen und gehen sehen. Vermeintlich echte Heilige wie Christoph Daum, bei denen sportliche Entscheidungen im Grunde erstmal egal waren, Newcomer à la Zvonimir Soldo (was macht der heute eigentlich?) oder vermeintliche Rohdiamanten wie Stale Solbakken. Ein Konzepttrainer, der mit massig Vorschusslorbeeren nach Köln kam – wie Stöger – und schließlich grandios scheiterte – nicht wie Stöger!

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Die vielen Trainer, die wir Kölner in den vergangenen 15 Jahren haben kommen und wieder gehen sehen, machen es für einen neuen Coach besonders schwer. In ihn werden automatisch große Hoffnungen gesetzt, jetzt wird alles besser, aber auf ihm lastet auch der sofortige Erfolgsdruck. Jede noch so kleine Entscheidung wird genau beäugt, kommentiert und bewertet. Daumen rauf oder Daumen runter. Trainer bei einem Bundesligisten – Gladiatoren im Jahre 2017.

Stöger: „Dafür muss man kein Professor sein“

Die Wahrheit ist auch, dass wir im Vergleich zu vor zwei Jahren höher stehen, mehr nach vorne spielen, mehr Tore erzielen. Jetzt haben wir ganz wenige Spiele, wo wir nicht getroffen haben. Dass das da oder dort zu Kosten der Grundstabilität und mehr Leuten hinter dem Ball geht, dafür muss man kein Professor sein.

Zu Anfang seiner Zeit in Köln hat Stöger seine Entscheidungen via Facebook oft begründet und erklärt, hat Einblicke in seine Gedanken, sogar in seine Gefühlswelt gegeben, natürlich stets den Fußball betreffend. Das hat viel Verständnis gefördert. Aber vor allem hat der Trainer herausragend oft so reagiert, wie sich die Rezipienten im Stadion das vorstellten. Stockte das Spiel, brachte Stöger einen spielstarken Mittelfeldakteur. Fehlte die Durchschlagskraft, kam ein zusätzlicher Angreifer. Brauchte man dringend mehr Stabilität und Stärke im Kopfballspiel, wechselte der Coach einen Verteidiger ein. Klingt leicht. Und ist saumäßig schwer.

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„Die Wahrheit ist auch, dass wir im Vergleich zu vor zwei Jahren höher stehen, mehr nach vorne spielen, mehr Tore erzielen. Jetzt haben wir ganz wenige Spiele, wo wir nicht getroffen haben. Dass das da oder dort zu Kosten der Grundstabilität und mehr Leuten hinter dem Ball geht, dafür muss man kein Professor sein“, erklärte der 51-Jährige dem „kicker“ nach der Niederlage in Augsburg. Stögers Erklärung ist einleuchtend. Sie zeigt vor allem, wie schwer es ist, bei diesen vermeintlich kleinen Entscheidungen die richtigen auszuwählen.

Nicht selten beginnt in der Rückrunde eine Viererkette, die dann noch in der ersten Halbzeit zur Dreier-, respektive Fünferkette umgebaut wird. Es ist Stögers Verdienst, dass sein Team diese taktischen Umstellungen überhaupt beherrscht. Und dieser Verdienst ist ihm unglaublich hoch anzurechnen, immerhin war der effzeh in Fahrstuhl-Zeiten nicht gerade berühmt für taktische Variabilität. Und doch zeigen die häufigen Systemwechsel auch, dass der Plan, den Stöger vor einem Spiel hatte, zu oft nicht aufging.

Stögers Manöver verpufften

„Ich fange jetzt nicht an, Erklärungen für etwas zu finden, was nicht funktioniert, weil sie dann für alle wie Ausreden wirken. Und ich möchte nicht als jemand dastehen, der Ausreden sucht.

Auch bei seinen Wechseln ist das goldene Händchen, das einen Trainer so magisch machen kann, zuletzt abhandengekommen. Es blitzte auf bei der Einwechslung von Leo Bittencourt gegen Frankfurt, der das Spiel so sehr veränderte und die Angriffe des 1.FC Köln so unberechenbar machte, dass am Ende ein knapper Heimsieg gelang. Stöger scheiterte aber grandios mit seiner Entscheidung, Maroh für Clemens im Derby gegen Gladbach zu bringen, beim Stand von 2:2 sollte auf Ergebnis halten gespielt werden. Es fiel das 2:3 und Stöger musste erneut reagieren, brachte für die letzten Minuten Zoller, dem nichts mehr gelang.

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Gegen Augsburg versuchte der Trainer seine Startelf nach einer katastrophalen ersten Halbzeit zu korrigieren, er wechselte Rudnevs und Zoller für Clemens und Jojic ein, das Manöver verpuffte. „Ich fange jetzt nicht an, Erklärungen für etwas zu finden, was nicht funktioniert, weil sie dann für alle wie Ausreden wirken. Und ich möchte nicht als jemand dastehen, der Ausreden sucht“, sagte Stöger nach der Partie. Das ist ihm hoch anzurechnen. Immerhin könnte er auf die vielen Verletzten des effzeh in dieser Saison verweisen, die seine Handlungsmöglichkeiten extrem einschränken.

„Vieles im Fußball ist auch mit Strömungen und Entwicklungen verbunden, mit Selbstvertrauen und diesen Dingen, die einen gar nicht so unwesentlichen Einfluss darauf haben, wie du Situationen dann lösen möchtest“, sagte der Coach weiter, vor allem auf seine Spieler bezogen. Man könnte den Satz aber auch auf den Trainer selbst münzen, denn die Selbstverständlichkeit, mit der er lange Zeit Entscheidungen traf und damit meistens goldrichtig lag, die ist im Moment nicht mehr da.

Vieles im Fußball ist auch mit Strömungen und Entwicklungen verbunden, mit Selbstvertrauen und diesen Dingen, die einen gar nicht so unwesentlichen Einfluss darauf haben, wie du Situationen dann lösen möchtest.

Die richtige Mischung zurückfinden

Sie ging verloren in einem Bermudadreieck aus dem Willen und dem Wunsch die sagenhaft erfolgreiche Hinrunde zu bestätigen und den Europapokal zu erreichen, dabei offensiv ausgerichteten Fußball zu präsentieren und gleichzeitig die defensive Stabilität, die Stöger einst zum 0:0-König der Liga machten, beizubehalten. Die richtige Mischung dieser Zutaten hat der Österreicher zurzeit anscheinend nicht parat. Für die letzten fünf Spiele gilt es jetzt all das abzustreifen. Mit Willen. Mit Kampf. Come on effzeh.

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