Der effzeh fliegt in Hamburg verdient aus dem Pokal, einigen Fans platzt die Hutschnur. Ist das berechtigt? Wir sollten alle mal die Kirche im Dorf lassen. Eine Nachbetrachtung.

Zwei Tage nach dem Pokalaus in Hamburg dürften mittlerweile alle effzeh-Fans von ihrem Kurztrip in den Norden zurückgekehrt sein – ob sich der Ärger über den Auftritt des 1. FC Köln bereits gelegt hat, lässt sich allerdings nicht definitiv beantworten. Fest steht: Der effzeh ist am Dienstag in Hamburg verdient aus dem Pokal ausgeschieden, da die Mannschaft von Peter Stöger in zu vielen fußballrelevanten Belangen einfach nicht an den gewohnten Level herankam. Dass die „Geißböcke“ dann gegen einen bundesligainternen Mitbewerber verlieren, sollte eigentlich keine große Überraschung sein. Und dennoch: Schaut man sich das Stimmungsbild in den sozialen Netzwerken an, könnte man meinen, der effzeh habe das Spiel absichtlich vergeigt, Stöger sei „unfähig“, der Mannschaft fehle die „Einstellung“ und so weiter. Eins ist klar: Frustration über eine Niederlage ist absolut verständlich, in diesem Falle sogar mehr als angebracht.

Schmaler Grat zwischen Ärger und überzogenen Reaktionen

Allerdings ist es für viele offenbar ein zu schmaler Grat zwischen verständlichem Ärger und unverständlichen und überzogenen Reaktionen. Halten wir fest: Der effzeh hat am Dienstag das vierte Pflichtspiel in dieser Saison verloren und wir befinden uns bereits in der Mitte des Monats Februar. Natürlich ist es jedem Fan freigestellt, wie stark sie oder er sich über eine Niederlage aufregt. Trotzdem sollte man darauf achten, dass man seine eigenen Wurzeln nicht vergisst. Es ist noch nicht allzu lange her, dass der effzeh an Montagabenden durch die Republik reiste und bei diesen Reisen auch nicht alles in Grund und Boden schoss. Auch damals wurde der effzeh von mehreren Tausend Fans begleitet, die anschließend auch nicht immer happy waren. Wenn Stögers Mannschaft nach einer bisher außerordentlich guten Saison dann gegen eine vermeintlich schwächere Mannschaft verliert, greifen die üblichen Reaktionen, die man auch von anderen Bundesligastandorten kennt – „fehlende Einstellung“, „Trainer hat sich verzockt“, „die zweite Reihe hat es nicht drauf“.

Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Worauf ich hinauswill: Bei allen Träumen von Europa sollte man die Bodenhaftung nicht verlieren. Der effzeh kalkuliert im DFB-Pokal nicht über alle Maßen mit einem Finaleinzug, deswegen wird die Niederlage keine finanziellen Konsequenzen haben. Im DFB-Pokal den kürzesten Weg nach Europa zu sehen, ist ebenfalls eine Milchmädchenrechnung, da sich in den letzten Jahren sowieso meistens Teams in den Endspielen gegenüberstanden, die sowieso für einen europäischen Wettbewerb qualifiziert waren. Hinzu kommt, dass der effzeh sowieso noch mindestens zwei weitere Spiele hätte gewinnen müssen, um überhaupt nur daran zu denken, über diese Ausfahrt nach Europa zu kommen. Soll es mit einer tatsächlichen Qualifikation für Europa über die Liga klappen, muss der effzeh in den verbleibenden 15 Spielen dieser Saison mindestens noch zehnmal ans leistungsmäßige Limit gehen, um das überhaupt zu schaffen.

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Das leistungsmäßige Limit wurde am Dienstagabend in Hamburg nicht erreicht, wie die Protagonisten auch unisono urteilten. Thomas Kessler sagte nach dem Spiel: „Wir waren gerade in den ersten 45 Minuten zu zögerlich und konnten nichts von dem umsetzen, was wir uns vorgenommen hatten. Der frühe Rückstand spielt den Hamburgern natürlich in die Karten.“ Nach der Pause habe der effzeh zwar Chancen auf den Ausgleich gehabt, unter dem Strich habe man sich aber selber geschlagen. „Das ist kein Hexenwerk, was hier gespielt wird. Gibst du ein paar Prozent weniger, verlierst du“, bedauerte der Keeper.

Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Auch Peter Stöger beschönigte in seiner Analyse die Leistung nicht: „Wir haben zu viele Dinge nicht optimal gelöst. Wir können eben die Spiele nicht gewinnen, wenn wir gewisse Dinge nicht erreichen.“ In Hamburg haperte es in den Bereichen Laufbereitschaft, Passspiel und Organisation, weswegen es durchaus zwangsläufig sei, dass man „gegen einen Bundesligisten verliert.“

Eine Mannschaft ist nur so stark wie die Summe ihrer Teile

Als „Gesamtleistung“ bezeichnet man im Mannschaftssport eben genau das, was die Summe der Einzelspieler in der Mannschaft aufbringen – beim effzeh war es am Dienstag nicht genug. Sich hiernach einzelne Spieler herauszupicken und sie für die Nicht-Leistung verantwortlich zu machen, ist dabei natürlich ein einfacher Weg, aber wenig zielführend. effzeh-Coach Peter Stöger hatte gute Gründe, mit Marco Höger seinen zentralen Mann im Mittelfeld eine kleine Verschnaufpause zu gönnen. Dass Artjoms Rudnevs und Simon Zoller in der vorsichtig formulierten etwas ungewöhnlichen Startaufstellung mit Aufgaben betraut wurden, die normalerweise nicht zu ihren Kernkompetenzen zählen, trug ebenfalls nicht positiv zu ihrer Performance bei.

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Bevor man allerdings über fehlende Einstellung der Spieler spricht, sollte man sich anschauen, welcher Spieler in welchem Raum gegen welchen Gegenspieler agiert und wie stark sich Synergien zwischen einzelnen Mannschaftsteilen und Positionen entwickeln können. Die Synergien am Dienstagabend waren überschaubar, keine Frage. Natürlich muss man sich auch die Frage stellen, wie es um die Leistungsdichte im Kader des effzeh bestellt ist. Aber die ganz große Notwendigkeit für die Frage stellt sich eben auch nicht, da der effzeh eben momentan nur von 34 plus x Spielen in der Saison ausgeht. Dafür braucht man keinen 23-Mann-Kader mit einem höheren Gehaltsniveau, dann wäre man nämlich der VfL Wolfsburg und nicht der 1. FC Köln. Wenn man natürlich 40 plus x Spiele in einer Saison absolvieren will, muss man sich anders aufstellen.

Abschließend noch die Anmerkung, dass ich gerne jegliche Hinweise zu „taktischen Fehlern von Peter Stöger“ gerne entgegennehme und bereit bin, diese zu diskutieren. Dies soll nicht dazu dienen, den Österreicher gegen jede Kritik zu schützen, sondern dazu anregen, sich mit den tatsächlichen Gegebenheiten auf dem Feld auseinanderzusetzen und das Gefasel von der fehlenden Einstellung zu hinterfragen.

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