Immer wenn es im Fußballkontext zu Gewalt und „Hass“ kommt, scheinen Grundwerte wie Gerechtigkeit genauso entbehrlich, wie die Erfüllung journalistischer Kernaufgaben. Mehr als eine Woche lang haben wir dem munteren Treiben nach der Partie zwischen Dortmund und Leipzig mit staunenden Augen zugeschaut, nun ziehen wir eine kommentierende Bilanz.

Es ist also amtlich. Borussia Dortmund akzeptiert die Strafe des Deutschen-Fußballbundes und schließt beim nächsten Heimspiel die weltweit berühmte Südtribüne. Außerdem zahlen die Schwarz-Gelben auch noch eine finanzielle Strafe in Höhe von 100.000 Euro. So lautet das nüchterne Ergebnis einer Fußballwoche, die von geistigen und medialen Hyperventilationen geprägt war.

Aber bevor schon an dieser Stelle die ersten Leser vor lauter „Relativierung!1elf“-Schreierei am Sauerstoffgerät landen, sei direkt einmal klar gestellt: Was im Vorfeld der Partie zwischen Dortmund und Leipzig gelaufen ist, ist auf allen denkbaren Ebenen einfach nur kindisch, unnötig und inakzeptabel. Auf allen Ebenen vor allem,  weil hier unschuldige Menschen verletzt wurden. Aber auch, weil der Schwachsinn der Debatte um die tatsächliche Problematik, die RB Leipzig darstellt, einen Bärendienst erwiesen hat – denn darüber redet spätestens seit der Partie im Westfalenstadion keiner mehr.

Alle Faktoren für einen Empörungs-F5 kommen zusammen

Trotzdem hat die Gewalt vor dem Stadion mit den Spruchbändern im Stadion nichts zu tun – wenigstens das sieht der DFB genauso. Die Strafe für den BVB bezieht sich nämlich explizit nur auf die teilweise durchaus geschmacklosen Sprüche, die von der „Gelben Wand“ präsentiert wurden. Der Verdacht liegt natürlich nahe, dass ohne die Ausschreitungen vor dem Stadion die mediale Rezeption der Banner-Aktion gegen die Leipziger Gäste eine andere gewesen wäre. Hysterisch, kreischend – sicherlich, denn das gehört schließlich zum guten Ton der deutschen Sportpresse. Aber ob sich so ein Wirbelsturm über den Dortmundern ergossen hätte, wie das in letzten Tagen der Fall war? Fraglich.

Dank der unbelehrbaren Stein- und Dosenwerfer kamen jedoch alle Faktoren zusammen, die es für einen ausgewachsenen Empörungs-F5 so braucht. Gewalt, (Ultra)-Fans von einem altehrwürdigen Traditionsverein, unschuldige Anhänger eines neureichen Emporkömmlings mit Opfer-Abo und Leipziger Verantwortliche, die sehr genau wissen, wie man PR-Elfmeter gekonnt verwandelt.

Innenpolitisch gesehen eine Lappalie

Denn auch wenn Innenminister Thomas de Maiziere sich zu einem Statement genötigt sah (was er bei brennenden Flüchtlingsheimen übrigens nicht immer so angebracht fand), ist eigentlich nichts passiert, das ein Statement vom Innenminister bedurft hätte. Bei einer Sportgroßveranstaltung wurden – brechen wir es mal radikaler herunter – ein paar Besucher bei Auseinandersetzungen verletzt. Außerdem wurde im Stadion der Gast von den Gastgebern beleidigt. Das ist bedauernswert. Und mancher wird mit der sprachlichen Gangart in Fußballstadien vielleicht nie seinen Frieden machen, aber es ist mal rein innenpolitisch gesehen vor allem: eine Lappalie.

Warum trotzdem so ein Wirbel? Neben der Gewalt im Vorfeld dürfte der Grund dafür auch darin liegen, dass sich die Abneigung der Dortmunder Südtribüne – oder wie man vielerorts lesen kann, der „Hass“ – sich dieses Mal nicht gegen altbekannte Rivalen wie Schalke 04 richtete, sondern gegen die Aufsteiger aus Leipzig. Oder wie BVB-Trainer Thomas Tuchel es aussprechen mochte: „Red Bull Leipzig“.

Auf der nächsten Seite: Wie RB Leipzig die Vorfälle für seine Zwecke nutzt

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14 Kommentare

  1. Tony Woodcock am

    Dem ganzen wird ja jetzt noch die Krone aufgesetzt, indem auch Mönchengladbach für ein Plakat, das die Steinwürfe der BvB’ler, die nicht ihr Ziel trafen, bedauert, bestraft werden soll. Das Plakat selbst fand ich jetzt auch nicht wirklich gelungen, wenn man bedenkt, wem die Steinwürfe galten. Aber deswegen gleich wieder Geldstrafe oder sogar Tribünensperrung? Da drängt sich tatsächlich der Eindruck auf, als sei das Projekt RedBull nicht nur völlig legitim, sondern sogar noch besonders schützenswert.

  2. Ich sprecht mir aus der Seele. Alles zu 100% meine Meinung. Und das obwohl ich Gladbacher durch und durch bin. 😉
    Dies ist der sachlichste und objektivste Bericht den ich zu den Vorkommnissen gelesen habe.
    Danke dafür.

  3. Am Ende läuft das ganze RB-Bashing doch nur darauf hinaus, einen Club, der angeblich nur „Kommerz“ und „Kapital“ verköpert gegen die gute alte „Tradition“ auszuspielen. Das geht gerade bei Bundesliga-Clubs nicht nur meilenweit an der Realität vorbei, diese Form der Kritik ist auch strukturell antisemitisch. Wenn sich dann die Pogromstimmung in einem Mob gegen wehrlose Menschen entlädt, wird dann statt Solidariät zu üben und Mitleid zu empfinden hier nur über zu hohe Strafen lamentiert. Und ganz ganz verschwörungstheoretisch fragt man dann wem es nützt, so als ob die Clubführung von RB von Ausschreitungen gegen ihre Fans profitiert. Ich empfehle einen Parteieintritt bei NPD/AfD.

    • Wir haben in den letzten Tagen wirklich wahnsinnig viel Schwachsinn lesen und hören müssen, aber das hier toppt an Perfidität und Lächerlichkeit alles.

    • Tony Woodcock am

      Also den Vorwurf des Antisemitismus müssen Sie schon ein wenig erläutern. Ist Mateschitz Jude? Falls ja, entzieht sich das meiner Kenntnis. Und warum entzieht es sich meiner Kenntnis? Weil ich noch in keinem einzigen Kommentar zu RedBull Leipzig einen Zusammenhang zwischen Glaube und Religion des Herrn Mateschitz und seinem Geschäftsgebaren gelesen habe. Der Antisemitismus-Vorwurf ist so hanebüchen, dass man sich vor Lachen auf dem Boden kugeln könnte , wenn das Thema nicht so ernst wäre
      Was das „Mitläufertum“ angeht, da drängt sich mir das Bild der RedBull-„Fans“ auf, die kritiklos einem Konstrukt hinterherlaufen, dem sie nur zujubeln können, ohne aber jemals auch nur einen Funken Mitspracherecht zu haben, das Vereinsmitglieder anderer Vereine selbstverständlich besitzen. „Demokratie nein Danke“ scheint Mateschitz‘ oberste Maxime zu sein.

  4. Erstmal: Gewalt ist nicht kindisch sondern ein Verbrechen.

    Das eine oder andere Plakat geht ueber das Ziel hinaus – ist aber nicht unueblich in Dt. Stadien.
    Hoeness du Ar..lo….. ist z.b. eine Beleidigung – singt trotzdem jeder.
    Oder BVB Hurensoeh….

    Oder, oder.

    Ansonsten sind die Plakate nicht sonderlich gravierend und die Sperrung absolut ueberzogen- Populismus vom feinsten. Was z.b. an der Aussage: Ihr macht unseren Sport kaputt
    Verkehrt sein soll, muss man mir mal belegen.
    Oder auch: Fuer mehr Bullenhass haetten wir euch nicht gebraucht – dem muss man sogar eine Pointe unterstellen.

    Wenn ich ehrlich bin, sind vlt. 2-3 Plakate irgendwie zu beanstanden, weil sie zu straftaten auffordern, oder Beleidigungen darstellen.
    Aber beides ist in Dt. Stadien gang und gebe! Man denke an „haengt sie auf die schwarze Sau“ und was noch alles gerufen wird.

    Die Strafe ist eins rechtsstaates unwuerdig, RB muss das aushalten koennen, den sie koennen nicht erwarten das der Fussballfan den Jubelperser gibt wenn ein Mrd. Schwerer Konzern meint er muss jetzt Fussball spielen.

    Das die Presse dieses Verfahren nicht kritisiert, sich keine Berichte ueber die Sportgerichtsbarkeit finden, die einfach nichts mit rechtsstaat oder demokratie zu tun hat, das
    fuer ein paar unspezifische beleidigungen eine gesamte Tribuene gesperrt wird – wo sind eigentlich die Strafverfahren gegen diese Straftaten? Die werden wegen Geringfuegigkeit eingestellt! – und das keinerlei Verhaletnis vorliegt tja, fuer die Katz.
    Den im Sport wird gemacht, was den Funktionaeren gerade angemessen erscheint.
    Und political correctness ist gerade alles.

  5. Ganz schwacher, weil viel zu einseitiger Artikel.

    Da wird gleich zu Beginn das Werfen von Steinen auf Kinder als „kindisch“ bezeichnet … etwas später wundert man sich, was denn bitte „gerechtes Unrecht“ sei, nur um dann selber etwas später festzustellen, dass es wohl „richtig war, das falsche Urteil anzuerkennen „…

    • Es wird als „kindisch, unnötig und inakzeptabel“ bezeichnet. Die Passagen mit „richtigem Unrecht“ und der Thematik, dass es aus Vereinssicht richtig war, zu akzeptieren, da die Stimmung nichts andere zuließ, haben inhaltlich nichts miteinander zu tun. Daher braucht man auf beide Kritikpunkten nicht inhaltlich eingehen.

      Besten Gruß

  6. Seit fast 30 Jahren besitze ich eine Dauerkarte auf der Südtribüne, bin Vereinmitglied und leidenschaftlicher Fussballfan.
    Ich bin äußerst dankbar für diesen Artikel. Eine sehr gute Darstellung der Situation.
    Ich habe mich auch sehr über die extrem undifferenzierte Berichterstattung insbesondere der Sportjournalisten gewundert. Einen solcher Artikel in einer Kölner Fanzeitschrift zu finden, hätte ich nicht erwartet.
    Danke!

  7. Sabine Kröber am

    Danke für diesen Artikel – Severin Richartz ist der einzige, der sich in dem medialen Wirbelsturm die Fakten angeguckt und einen klaren Kopf behalten hat.

  8. M. Dreisbach am

    Vielen Dank für diesen sensationell guten Artikel. Er spricht mir aus der Seele. Wir dürfen uns den Mund nicht verbieten lassen und weiterhin unsere Meinung über das Konstrukt RaBa Leipzig sagen. Danke!

    • LüdenscheidNord am

      Jaja die bösen Bullen….tztztztz der armselige BVB heult doch nur mal wieder so rum weil sie die 2. Kraft abgeben mussten –> ich wünsche allen Asso-BVB´lern die Versenkung im Nirwana

  9. Sandro Emiliozzi am

    Bin begeistert vom Beitrag von Severin Richartz zur Sperrung der Südtribüne des BVB. Selten etwas gelesen, dass so sehr den Kern der Sache trifft. Bravo. Respekt!