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Der 1. FC Köln in der Krise: Welche Rolle spielt die Psyche?

Das unglückliche Ende des Stuttgart-Spiels reißt eine klaffende Wunde in die Psyche des effzeh – wie kann die ohnehin angeknockte Mannschaft damit umgehen?

STUTTGART, GERMANY - OCTOBER 13: Sehrou Guirassy of 1.FC Koeln is dejected after losing the Bundesliga match between VfB Stuttgart and 1. FC Koeln at Mercedes-Benz Arena on October 13, 2017 in Stuttgart, Germany. (Photo by Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images)
Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

Das unglückliche Ende des Stuttgart-Spiels reißt eine klaffende Wunde in die Psyche des effzeh – wie kann die ohnehin angeknockte Mannschaft damit umgehen?

Der 1. FC Köln steht am Abgrund: Mit der Niederlage gegen den VfB Stuttgart wurde der Negativ-Rekord in der Bundesliga eingestellt, noch nie ist eine Mannschaft so schlecht in eine Saison gestartet. Rein statistisch gesehen gibt es also wenig Hoffnung auf den Klassenerhalt, noch nie konnte eine Mannschaft in einer solchen Situation den Klassenerhalt noch schaffen. Wie auch, wenn zu keinem anderen Zeitpunkt eine Mannschaft so schlecht platziert war? Dementsprechend gilt: Bange machen ist nicht, irgendwie muss es weitergehen. Es verbleiben 26 Spiele, um das Maximalziel in dieser Saison, den Klassenerhalt, zu realisieren. Damit das gelingen kann, muss sich beim 1. FC Köln eine Sache ändern: Das Leistungsvermögen der Mannschaft muss sich verbessern, um konstant in der Bundesliga zu punkten zu können.

Die Psyche als momentan entscheidender Leistungsfaktor

Aktuell, das muss man konstatieren, sind die “Geißböcke” nicht wirklich konkurrenzfähig. In Bezug auf die Leistungsfaktoren im Fußball weist der 1. FC Köln in den Bereichen Taktik, Technik, Athletik und Psyche teilweise gravierende Defizite auf – in einigen Bereichen mehr, in anderen weniger. Die Gründe sind vielschichtig, die Verantwortung liegt, wie immer, sowohl bei Mannschaft, Trainerteam und Geschäftsführung. Doch in welcher Form spielen die mentalen Faktoren für die aktuelle Situation des 1. FC Köln eine Rolle? Und wie kann man sich irgendwie aus dieser misslichen Lage befreien?

STUTTGART, GERMANY - OCTOBER 13: Simon Terodde of VfB Stuttgart is challenged by Dominique Heintz of 1.FC Koeln during the Bundesliga match between VfB Stuttgart and 1. FC Koeln at Mercedes-Benz Arena on October 13, 2017 in Stuttgart, Germany. (Photo by Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images)

Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

Eigentlich, so war der Tenor, sah man sich in Köln nach der zweiwöchigen Länderspielpause gut gerüstet für die anstehenden Aufgaben. Durch die etwas längere spielfreie Zeit im Vergleich zu Beginn der Saison bestand die Möglichkeit, in den trainingsrelevanten Bereichen nachzujustieren. Für Peter Stöger bestand auch die Möglichkeit, als Kommunikator aktiv zu werden und in Einzelgesprächen den Dialog mit seinen Spielern zu suchen. In Englischen Wochen ist das bekanntlich ja auch eher schwieriger. Fest steht: Im mentalen Bereich scheint der 1. FC Köln in der Länderspielpause gut gearbeitet zu haben.

Ein Spiel, das die bisherige Saison des 1. FC Köln zusammenfasst

Der Einfluss auf die Leistung in den ersten 30 Minuten lässt sich natürlich wissenschaftlich nicht beweisen, aber es war deutlich zu erkennen, dass die Mannschaft auf einem guten Weg war. Leider verpasste es das Tabellenschlusslicht, in Führung zu gehen – und gleichzeitig reagierte der VfB Stuttgart. Hier zeigte sich wieder, in welcher Form Taktik und Psyche miteinander in Verbindung stehen können.

Die Gastgeber stellten sich etwas besser auf die Spielweise des effzeh ein, passten taktisch ein paar Dinge an. Insbesondere in den Halbräumen positionierten sich Donis und Brekalo besser als noch zu Beginn und schufen somit Umschaltmöglichkeiten für den VfB. Nachdem der effzeh vorher teils klare Torchancen vergeben hatte (Osako und Zoller), fing wieder das große Zittern an.

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Psychologisch ist eine solche Situation nie einfach: Das Auslassen von klaren Torchancen destabilisiert die Psyche eines Fußballers wohl ähnlich stark wie offensichtliche Fehlentscheidungen des Schiedsrichters. Wenn dann eben noch der Gegner besser agiert, kann es durchaus sein, dass es zum berühmten “Bruch im Spiel” kommen kann – dieser lag beim Spiel in Stuttgart ungefähr um die 30. Minute. Das Tor für den VfB fiel in diese Phase und der effzeh musste sich, wieder einmal, aufrichten und einem Rückstand hinterherlaufen. Wenn man ohnehin schon mit einer labilen Psyche antritt, ist das natürlich ein weiterer Schlag ins Gesicht, der erst einmal verkraftet werden will.

STUTTGART, GERMANY - OCTOBER 13: Dominique Heintz of 1.FC Koeln celebrates after scoring a goal during the Bundesliga match between VfB Stuttgart and 1. FC Koeln at Mercedes-Benz Arena on October 13, 2017 in Stuttgart, Germany. (Photo by Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images)

Heintz’ Ausgleichtreffer brachte das Momentum auf Kölner Seite | Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

Elfmeter, Revision, Knacks, Gegentor, Niederlage

Im zweiten Durchgang beruhigte sich das Spiel ein wenig, beide Mannschaften neutralisierten sich. Als schon fast niemand mehr daran glaubte, traf man doch noch das Tor: Der Ausgleich von Dominique Heintz in der 77. Minute setzte auf Kölner Seite dann nach vielen Anstrengungen wieder Kräfte frei. Man hatte das Gefühl, dass das berühmte Momentum nun beim effzeh lag, der sich ja dann in der 90. Minute schon auf der Siegerstraße wähnte. Schiedsrichter Benjamin Cortus zeigte auf den Punkt, nachdem Guirassy im Zweikampf mit Aogo zu Boden ging. In einer solchen Phase, nach Wochen der Rückschläge, schlechten Spiele und fehlender Erfolgserlebnisse, ist eine solche Entscheidung dann für Spieler im ersten Moment wie ein Geschenk des Himmels.

Was darauf folgte, ist bekannt. Ohne eine Diskussion über den VAR zu führen, steht fest, dass die Wartezeit in Kombination mit der anschließenden Entscheidung über die ohnehin diskussionswürdige Szene der Mannschaft des 1. FC Köln psychologisch endgültig den Rest gab. Das Momentum ging nach dem Schiedsrichterball komplett verloren, die Spieler waren gänzlich damit beschäftigt, ihre Emotionen einigermaßen in den Griff zu bekommen. Dass man dann nicht mehr mit total entschiedener Konsequenz in die Zweikämpfe geht, ist verständlich. Dass dann das 1:2 in der letzten Minute fällt, ist dramatisch.

Wie geht die Mannschaft jetzt mit dem nächsten Rückschlag um?

Die Niederlage in Stuttgart ist dementsprechend insbesondere in ihrer Entstehung fatal für die weitere Prognose über den Verlauf der Saison. Sich damit auseinanderzusetzen zu müssen, dass in wenigen Minuten aus einem fast sicher geglaubten Sieg eine erneute Niederlage wurde, tut der aktuellen psychologischen Verfassung des 1. FC Köln definitiv nicht gut. Die Verarbeitung des Stuttgart-Spiels begann für den effzeh dabei wie immer mit dem obligatorischen Kreis nach Spielende, in dem Spieler, Trainer und Betreuer zusammen gekommen waren. Dort richtet Stöger gewöhnlich das Wort an die Truppe, um das Spiel kurz zusammenzufassen, eine erste Einschätzung zu geben und vor allem auf den Umgang damit hinzuweisen.

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In der Psychologie eines Fußballers sind diese Worte extrem wichtig, da man unmittelbar nach Spielende nicht mit seinen Gedanken alleine gelassen wird. Wenn der Trainer es schafft, das Spiel bereits kurz nach Abpfiff gut zu analysieren, kann der Denkprozess bei einigen bestimmt schon in die richtigen Bahnen gelenkt werden.

Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

Es wäre Unsinn gewesen, im Kreis auf die Funktionalität und den Nutzen des VAR einzugehen. Es wäre Unsinn gewesen, Sehrou Guirassy für dessen vergebene Chance in der Nachspielzeit abzukanzeln. Es wäre Unsinn gewesen, Salih Özcan für dessen Ballverlust vor dem 0:1 zu kritisieren. Das Beruhigende ist: Peter Stögers Fähigkeiten als Kommunikator sind gut. Der Österreicher findet im Umgang mit seinen Spielern den richtigen Ton, die richtige Ansprache, das richtige Verhältnis aus Nähe und Distanz. Und das ist bei all dem Elend ein gutes Zeichen.

Neben der täglichen Arbeit im Training wird es in den kommenden Wochen also vor allem wichtig sein, dass Stöger aus psychologischer Sicht dafür sorgt, dass seine Spieler trotz der Krise nicht den Glauben an sich selbst verlieren – trotz all der Rückschläge. Ein Sieg gegen Borisov würde dabei sicherlich helfen.

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