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Spielerportraits

So spielt nur Cello – der Höhenflug des Marcel Risse

Mit einem Geniestreich wurde Marcel Risse zum Derbyhelden. Dabei behagt dem kölsche Rechtsfuß das Dasein im Rampenlicht so rein gar nicht.

Foto: Thomas Berger

Mit einem Geniestreich wurde Marcel Risse zum Derbyhelden. Dabei behagt dem kölsche Rechtsfuß das Dasein im Rampenlicht so rein gar nicht.

Dass Marcel Risse zum entscheidenden Mann im Derby avancierte, hatte er neben seiner brillanten Schusstechnik einem Teamkollegen zu verdanken. Eigentlich, so bekundete der 26-Jährige, eigentlich wollte er den Ball in die Mitte bringen, wo Torjäger Anthony Modeste lauterte. Doch der Franzose hatte andere Pläne: „Er hat mich nur böse angeguckt und gesagt: „Schieß bitte einfach drauf.“ Da habe ich auf ihn gehört“, gestand Risse mit einem ausgeprägtem Grinsen im Gesicht. Die Freude über den Siegtreffer in der Nachspielzeit war dem Rechtsfuß durchaus anzusehen. „Es war schon ein unglaubliches Glücksgefühl. Ich habe noch kein emotionaleres Tor geschossen“, ordnete er seinen Geniestreich passend ein.„Viel gedacht habe ich in dem Moment nicht mehr. Das war die pure Euphorie. Wenn ich mir eine Situation hätte aussuchen dürfen, in der ich so ein Tor schieße, hätte ich definitiv die letzte Minute im Derby gegen Mönchengladbach genommen“, so Risse.

Es war bereits der zweite Treffer dieser Art für ihn innerhalb kurzer Zeit: Schon im Pokalfight gegen Hoffenheim hatte der gebürtige Kölner mit einem unfassbaren Distanzhammer zum Ausgleich getroffen. Das belohnten die Zuschauer der ARD-Sportschau und wählten Risse zum Schützen des „Tor des Monats Oktober“ (effzeh.com berichtete) – nun könnte er diesen Titel im November gleich verteidigen. „Ich trainiere die Freistöße regelmäßig, sie sollen möglichst viel flattern, die Flugkurve ist so, dass sie hinten runterfallen sollen – und dann sind sie schwer zu halten“, beschreibt Risse die Herangehensweise.

„Die Schüsse von Marcel sind wie ein Kaninchen und wechseln zehnmal die Richtung. Schon als der Ball Marcel vom Fuß ging, wusste ich, dass er einschlägt“, deklarierte Thomas Kessler den wuchtigen Freistoß des „Kölners durch und durch“ als unhaltbar.„Wir haben auch schon gewitzelt und gesagt, dass wir die DFL mal bitten müssten, dass wir ein Bundesliga-Spiel am Geißbockheim austragen dürfen, damit er mal einen Freistoß reinhaut. Eben hat er mir dann tatsächlich erzählt – und ich weiß gar nicht, ob ich das verraten darf – dass er, nachdem der Ball im Tor eingeschlagen ist, sich umgeguckt und die Geschäftsstelle gesucht hat“, führte Kessler mit schallendem Lachen fort.

Marcel Risse – ein „100-Prozent-Profi“

Dass sich Risse gerade bei ruhendem Ball endgültig in die Herzen der Fans katapultiert, war so nicht abzusehen. Die Kritik an seinen Standards wurde öfters laut, so dass sich der Kalker Jung im FC-Saisonrückblick selbst auf die Schippe nahm. Die Fragen, warum dieser Risse immer die Freistöße schießen darf, dürfte nun endgültig beantwortet sein. „Marcel hat seine Technik weiterentwickelt. Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Leute gejammert haben, dass man Marcels Bälle suchen muss, wenn er schießt“, freute sich effzeh-Coach Peter Stöger nach dem Derbysieg über die Fortschritte seines Schützlings. Schon Ende Oktober hatte der Österreicher eine wahre Lobeshymne auf den Blondschopf gesungen: „Seit ich mit Marcel arbeiten darf, hat er seine Entwicklung unheimlich vorangetrieben. Er war vorher schon ein starker Spieler und macht eine außergewöhnliche Entwicklung. Für uns ist er ein Spieler, der ein Fixposten ist – egal auf welcher Position. Marcel ist vielseitig, ein 100-Prozent-Profi, der weiß, wie er sich zu benehmen hat – und der richtig gut kicken kann“, urteilte Stöger.

Über ein solches Lob freut sich Risse, trotz rheinischer Herkunft eher ein ruhiger Vertreter seiner Zunft, und geht weiter unbeirrt seinen Weg. Groß Aufhebens um seine Leistungen ist ihm ein Graus, anstatt markiger Worte gibt es von ihm nur Taten auf dem Platz. „Ich war nie ein Lautsprecher – und warum sollte ich das jetzt ändern?“, stellte er schon vor dem Derby im Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ klar. Etwas, das auch Peter Stöger schon festgestellt hat: Marcel ist ein echter kölscher Jung, dafür eher untypisch etwas zurückhaltend und deswegen vielleicht auch nicht so präsent, wie man das spielen könnte, wenn man es wollte.“

In der Form seines Lebens

Auch nach seinem Traumtor verlor der 2012 vom effzeh verpflichtete Flügelspieler die Bodenhaftung nicht. Auf die Frage nach dem Spiel, ob er jetzt eher „Derbyheld“ oder „Freistoßgott“ genannt werden will, antworte Risse mit einem entwaffnenden Lachen: „Gar keinen davon. Aber ich freue mich trotzdem darüber!“ Freuen kann sich der frischgebackene Vater auch darüber, in der Form seines Lebens zu sein. Vier Saisontore und fünf Vorlagen verbucht er bislang, mit einem kicker-Notenschnitt von 2,86 ist er hinter Anthony Modeste der notenbeste Feldspieler beim effzeh. Schon in der vergangenen Spielzeit war Risse mit 17 Scorerpunkten (sieben Tore, zehn Assists) ein absoluter Leistungsträger. Auch dank seiner Flexibilität – trumpft der pfeilschnelle Dribbler doch ebenso in offensiver Funktion wie auch als Rechtsaußen vor einer Dreierkette auf.

Risse ist beim effzeh der Mann für die besonderen Momente, insbesondere im Zusammenspiel mit Anthony Modeste ist der Kölner brandgefährlich. Bereits 19 Chancen bereitete er in dieser Spielzeit vor, seine Flanken sorgten häufig für Gefahr. Dabei geht der ehemalige Junioren-Nationalspieler oft großes Risiko, seine Passquote von nur knapp über 60 Prozent spricht darüber Bände. Sportlich ist der Blondschopf häufig zwischen Genie und Wahnsinn unterwegs: Klappen seine Aktionen, ist er der große Held – gehen sie in die Hose allerdings auch der große Depp. In dieser Saison ist er jedoch häufiger Genie als Wahnsinn, nimmt man den Erfolg seiner Aktion als Gradmesser. Mit seiner Schnelligkeit, seinen Hereingaben und seinen Freistößen zählt die Nummer 7 zu den stärksten Spielern der laufenden Bundesliga-Saison.

Risse: „Ich will Spaß am Fußball haben“

Fähigkeiten, die auch bei Bundestrainer Joachim Löw gefragt sein könnten, wie effzeh-Sportchef Jörg Schmadtke anmerkt: „Ich würde ihm die Nationalmannschaft zutrauen. Ich werde mich jetzt zwar nicht auf den Marktplatz stellen und rufen: ,Jogi, du musst den einladen’, aber ich glaube schon, dass die Jungs vom DFB Marcels Leistungen in diesem Jahr wahrnehmen. Die Außenverteidigerposition ist schwer zu besetzen. Wenn man viel Ballbesitz hat, kann Risse eine Waffe sein“, sagte der 52-jährige Ex-Profi dem „Express“. Von Einsätze für den Weltmeister träumt der in der Bayer-Jugend groß gewordene Rechtsfuß jedoch nicht. „Dazu hab ich mich noch nie geäußert. Ich will Spaß am Fußball haben – und den habe ich“, erklärte der 26-Jährige – gewohnt bescheiden – dem „Express“.

Markige Ankündigung sind ihm zuwider, die lauten, grellen Töne überlässt er lieber anderen. Lieber freut er sich im stillen Kämmerlein über seine atemberaubende Entwicklung – und die noch viel märchenhaftere des effzeh. Angesprochen auf den vierten Tabellenplatz, den die Kölner derzeit belegen, bleibt er weiterhin nüchtern-sachlich: „Der Platz fühlt sich gut an“, so Risse. Die markigen Worte bleiben seine Sache nicht. Die Freistöße dagegen schon. Yann Sommer kann davon ein Lied singen.

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